„Kunstbegeisterung ist dem Kritiker fremd.“ Warum mir diese Maxime aus der „Einbahnstraße“ Walter Benjamins Ende der sechziger Jahre so propagierenswert erschien (obwohl es mir so wenig wie Benjamin selbst gelang, mich als Kritiker nach ihr zu richten), muß mit der ideologischen Blindheit von damals zu tun haben, die dann in der Toterklärung der Kunst gipfelte. Allerdings lese ich auch heute noch allzu oft Kritiken, die offenbar jenem Benjamin-Satz entsprechen wollen, reden sie doch, sogar wo sie rühmen wollen, von einem Buch oder Film in einem so trockenen, tristen Ton, daß jeder vernünftige Mensch sich sagen muß: Dieses Buch oder diesen Film werde ich mir ganz gewiß ersparen.

Liest man die Filmkritiken von François Truffaut (von denen er die meisten schrieb, bevor er selber Regie führte), dann reißt einen deren Begeisterung so mit, daß man am liebsten für die nächsten Monate ein Dauerquartier in der Pariser Cinemathek beziehen würde, um all die Filme, von denen Truffaut schwärmt, zu sehen – mit seinen Augen zu sehen; erscheinen einem doch auch jene Filme, die man gut zu kennen glaubt, nach der Truffaut-Lektüre meist wie noch nie erblickt. Tatsächlich hat man sie ja bestenfalls zwei-, dreimal gesehen; Truffaut aber entschuldigt sich sogar angesichts eines ziemlich belanglosen Streifens: „Ich weiß, daß es anmaßend ist, über einen Film zu schreiben, den man erst dreimal gesehen hat“, und nebenbei erfahren wir, daß er etwa „Citizen Kane“ von Orson Welles („bestimmt der Film, der am meisten junge Leute veranlaßt hat, sich dem Beruf des Regisseurs zuzuwenden“) an die dreißigmal gesehen hat! Solch ein Enthusiast wird man natürlich nur, wenn man bereits als Kind nichts anderes als Kino im Kopf hatte, wie das bei Truffaut der Fall war, der eine seiner Kritiken mit dem Satz beginnt: „Es ist jetzt vielleicht noch nicht ganz zehn Jahre her, daß ich eines Nachmittags das Kino schwänzte und mich im Gymnasium herumdrückte.“

Daß die „lobende Kritik eines Films, an dem man sich fünfmal in sieben Tagen berauscht hat“, nicht „abgerundet“ sein kann, setzt Truffaut ebenso voraus wie er davon ausgeht, daß große Filme selbst niemals „rund“ und „perfekt“ sein dürfen. Er haßt sogar die sogenannten „geglückten“ Filme und behauptet: „Alle großen Filme sind mißglückte Filme.“ Er meint damit, daß sein „Vergnügen oft da anfing, wo das meiner Kollegen aufhörte: bei Renoirs Stilbrüchen, bei Orson Welles’ Exzessen, bei Pagnols oder Guitrys Schlampereien, bei Cocteaus Anachronismen, bei Bressons Nacktheit“. Auch eine „Hierarchie des Genres“ findet Truffaut absurd: „Ich hegte für ‚Singin‘ in the Rain’ von Kelly-Donen dieselbe Bewunderung wie für ‚Ordet‘ von Dreyer.“

Mehr als an Filmen kann sich Truffaut nur noch an Frauen begeistern, am liebsten an Schauspielerinnen, und er favorisiert stets jene Regisseure, deren Filme Liebeserklärungen an Schauspielerinnen sind, also Ophüls, Renoir, Rossellini, „die Komplizen der Frauen“ und ihre „Troubadourfilme“, Regisseure, die mehr Musiker als Dramatiker, mehr Poeten als Psychologen sind, „Filmer des ‚traurigen Morgens nach einem ausgelassenen Ball‘ (Victor Hugo)“. Mit Jean Renoir meint auch Truffaut, daß alle „große Kunst abstrakt ist, und zur Abstraktion gelangt man nicht über die Psychologie, im Gegenteil; dagegen führt die Abstraktion früher oder später zur Moral, zur einzigen, die uns interessiert, der, die ständig neu erfunden wird von den Künstlern“. Diese Kunst-Moral ist das Gegenteil von „guten Absichten“; mit Fellini glaubt Truffaut, „daß das Kino der guten Absichten die schlimmste aller Fallen ist, die tückischste aller Betrügereien in unserer Industrie“.

Das Schönste an diesen Kritiken, die sich jeder Cineasten-Terminologie enthalten, ist neben Truffauts Fähigkeit zu verblüffenden Assoziationen und Vergleichen (so wenn er John Ford mit Jean Giono, Buñuel mit Diderot oder Bergman mit O’Neill vergleicht) die ganz unfranzösische Leichtigkeit, mit der er komplizierte Sachverhalte auf den jeweils einfachsten Nenner zu bringen vermag; wenn er etwa über Claude Berns Film „Le Vieil Homme et l’Enfant“, der das Thema Antisemitismus scheinbar unernst und verspielt wie Lubitsch behandelt, lapidar vermerkt, der Film zeige, „daß Menschen mehr wert sind als die Ideen, an die sie sich klammern“, oder über Buñuel sagt, dieser sei „der Ansicht, daß die Leute zwar dumm sind, das Leben jedoch amüsant ist“, so steckt hinter so obenhin simplen Aussagen ebensoviel Lebenserfahrung wie künstlerische Moral, eine Moral, zu der es gehört, daß sich ihr Urheber keinen Augenblick lang mit einer Instanz verwechselt, sondern stets nur als einzelne Person – eben als François Truffaut – auftritt.

Wie man die Filme Truffauts anders und richtiger nach Kenntnis seiner Kritiken sieht, so wird man auch die Filme von Vigo, Abel Gance, Renoir, Dreyer, Lubitsch, Hitcncock, Ophüls, Welles oder Rossellini und Nicholas Ray erst durch seine Brille in ihrer vollkommenen Unvöllkommenheit erkennen. Daß das Lesen von Filmkritiken fast so viel Vergnügen bereiten kann wie das Sehen von Filmen, diese Erfahrung verdanke ich jedenfalls diesem begeisternden Buch.

François Truffaut: „Die Filme meines Lebens – Aufsätze und Kritiken“; dtv 1449, Deutscher Taschenbuch Verlag, München; 272 S., 7,80 DM.

Peter Hamm