Vor einem Monat trat der Vorstandsvorsitzende des von Mitterrand verstaatlichten Chemiekon-Jens Rhône-Poulenc zurück. Jetzt nannte er in einem Interview mit der französischen Tageszeitung „Le Monde“ die Gründe.

Verstaatlichte Unternehmen brauchen an ihrer Spitze Männer, die in ihrem Fach kompetent und in ihrer Meinung unabhängig sind. Die Regierung muß verhindern, aus ihnen eifrige Diener, gehorsame Ersatztruppen oder gar Geiseln zu machen.“ Mit diesen Worten resümiert der ehemalige Chef von Rhone-Poulenc, Jean Gandois, wie er sich nach der Verstaatlichung die Leitung des größten französischen Chemiekonzerns (89 000 Beschäftigte, Umsatz 1981: rund dreizehn Milliarden Mark) vorgestellt hatte.

Die Erwartungen des früher eher als progressiv und linkslastig geltenden Managers wurden allerdings von der sozialistischen Regierung alles andere als erfüllt. Bereits fünf Monate nach der Verstaatlichung nahm der 52jährige Gandois, der seit 1977 den Konzern geleitet und ihn zeitweise sogar aus den roten Zahlen gebracht hatte, verbittert seinen Abschied.

Sein Hauptvorwurf gegen die Regierung: Sie habe bei der Verstaatlichung der großen Industrieunternehmen – Thomson-Brandt, Saint Gobain, CII-Honeywell Bull, Pechiney-Ugine-Kuhlmann und die Compagnie Generale d’Electricité– falsche Illusionen geweckt. Es sei nicht möglich, konkurrenzfähig zu bleiben und risikovolle, innovative Investitionen zu tätigen, während man gleichzeitig Arbeitsplätze erhalte, Löhne erhöhe und die Arbeitszeit in Richtung 35-Stunden-Woche verkürze.

„Die verstaatlichten Unternehmen werden nicht in der Lage sein, im wirtschaftlichen und sozialen Bereich die Antriebsfunktionen zu erfüllen, die man ihnen zugedacht und mit denen man in erster Linie die Verstaatlichung gerechtfertigt hatte.“

Auch für Rhône-Poulenc sei eine Politik der Sanierung und der gleichzeitigen Erhaltung von Arbeitsplätzen ohne größere Finanzierungsspritzen des Staates unmöglich gewesen. Das Unternehmen, das neben Chemikalien auch noch Pharmazeutika, Kunstfaser-Textilien, Dünger und Pflanzenschutzmittel herstellt, hatte im letzten Jahr Verluste von über zweihundert Millionen Mark einstecken müssen. Wenn die Existenz des Unternehmens langfristig gesichert werden soll, so müssen besonders im Textilbereich Werke geschlossen werden – in den letzten Monaten machten sie teilweise Verluste, die höher waren als die Lohn- und Gehaltsauszahlungen. Die Einstellung der Regierung zu solchen Tatsachen sei aber – so Gandois – eher „zweideutig“. Der neue Hauptaktionär hätte die Manager nur vage unterstützt.

Gandois: „Sechs Tage nach der Verstaatlichung habe ich die Unternehmensplanung für Rhône-Poulenc vorgestellt. Nach einem ersten Gespräch im Industrieministerium habe ich nichts weiteres mehr gehört. Später hat man mir versichert, daß das Schweigen Zustimmung bedeute.“ Das Ministerium hätte die Gewerkschaften allerdings – so Gandois – mit einer gegenteiligen Meldung beruhigt Zu innen sagte ein Kabinettsmitglied: „Die Strategie von Monsieur Gandois ist heute überholt.“