Dem amerikanischen Präsidenten liegt seit Anfang August eine Ausarbeitung des Pentagon vor, die in Westeuropa unweigerlich neue Unruhe schaffen wird. Der Entwurf eines neuen „strategischen Gesamtplans“ läuft darauf hinaus, die Vereinigten Staaten in die Lage zu versetzen, einen längeren Atomkrieg gegen die Sowjets zu führen und zu gewinnen – bis zu sechs Monaten, heißt es in Zeitungsberichten. Diese neue Atomplanung, würde sie tatsächlich von Reagan in Kraft gesetzt, müßte nicht nur Kernwaffengegnern den Atem verschlagen.

Zugegeben: Amerikas Verteidigungspolitik bleibt ausdrücklich auf die Defensive im Angriffsfalle ausgerichtet. Weiter zugegeben: „Eine strategische Planung für Gegenangriffe ist nicht provokativ“ (so der Jahresbericht 1982 des US-Verteidigungsministers). Zugegeben schließlich auch: Es gehört zur Paradoxie des Abschreckungskonzeptes, daß allein das Kämpfen-Können letztlich das Nicht-Kämpfen-Müssen verbürgt.

Die neuen Pläne des Pentagon gehen jedoch weit darüber hinaus. Sie setzen, so scheint es, an die Stelle der bisherigen Kriegsverhinderungsstrategie eine Kriegsführungsstrategie, obendrein eine nukleare. Diese Vermutung wird beinahe zur Gewißheit, wenn man den gleichzeitig betriebenen Ausbau des US-Zivilschutzes in die Analyse einbezieht: 4,2 Milliarden Dollar sind zunächst veranschlagt, um Vorkehrungen zu treffen, daß 150 Millionen Amerikaner im Ernstfall aus der Nähe von 63 bedeutsamen militärischen Einrichtungen, 330 anderen Militär- und Industrieanlagen und aus sämtlichen Städten mit mehr als 50 000 Einwohnern aufs flache Land evakuiert werden können. Manche Militärs glauben, daß ein Atomkrieg gewonnen werden kann; die Zivilschützer in ihrer bürokratischen Geistesschlichtheit behaupten, daß die Bevölkerung ihn überleben könne. Beides macht den nuklearen Krieg wahrscheinlicher.

Die amerikanischen Planspielereien berühren die Sicherheitsinteressen Westeuropas – zumal die der Bundesrepublik – in dreifacher Hinsicht.

Erstens muß uns die Vorstellung eines „lang hingezogenen Krieges“ schaudern machen, werde er nun konventionell oder atomar geführt. Wechselnde Wellen von Angriff und Verteidigung würden unser Land verwüsten und die nationale Substanz bedrohen: schon beim Einsatz moderner konventioneller Waffen (siehe Beirut); erst recht, wenn Atomwaffen verwendet würden. Im Interesse unseres Überlebens muß die westliche Strategie darauf gerichtet sein, eine rasche Entscheidung zu suchen: theoretisch über Eskalation oder Waffenstillstandsverhandlungen oder Kapitulation. Mehr als drei bis zehn Tage haben wir dafür schwerlich Zeit.

Zweitens verbietet sich im dichtbesiedelten Europa der üppige Gebrauch von Atomwaffen. Solange selektive, demonstrative, gezielte Einzelschläge nur die kurze Verbindung zum großen Vergeltungspotential Amerikas darstellen, mag dies der Abschreckung Moskaus und der Verkoppelung von Europa und Nordamerika dienen. Wenn jedoch lange Phasen taktisch-nuklearer Kriegführung in Europa ohne Auslösung des großen Knüppels ins Auge gefaßt würden, so hieße dies Abkoppelung.

Drittens ist es eine selbstmörderische Einbildung, Atomkriege ließen sich gleichsam kontrolliert, dosiert, limitiert führen und am Ende gar gewinnen. Nach wie vor gilt da John F. Kennedys Satz: „Der Sieg würde zu Asche in unserem Munde.“ Die Ungewißheiten eines Nuklearkrieges sind groß, seine Dynamik ist unberechenbar. Atomwaffen müssen politische Waffen bleiben; sie sind keine Patentwaffen für alle Fälle. Die Theorie nuklearer Abschreckung darf nicht in die Praxis nuklearer Kriegführung umgedacht werden; das Undenkbare zu denken, darf nicht dazu verführen, es zu planen.