Im NDR stehen wieder einmal alle Zeichen auf Sturm. Anlaß für den Krach ist diesmal Karl-Ulrich Kuhlo, ein 34 Jahre alter Journalist des Springer-Kampfblatts Bild am Sonntag. Er soll stellvertretender Chefredakteur des Hörfunks werden.

Die Sache schien schon fast gelaufen, da lieferte Kuhlo sein Meisterstück nach. Anfang August schrieb er in seiner Zeitung einen Kommentar unter der Überschrift „100 000 Arbeiter-Sklaven bauen Erdgas-Pipeline“. Der Artikel ist ein Stück Diffamierungsjournalismus, das in seiner Machart sich mit Produkten des Schwarzen Kanals der DDR oder des Stürmen messen kann. Auf Grund unbewiesener Gerüchte unterstellt Kuhlo, die Sowjetunion setze politische Häftlinge beim Bau der Erdgasröhrenleitung nach Europäern. „Die Hände der Frauen sind blutig... Wir zahlen Breschnjew bis zu vier Milliarden, damit er uns seine Sklaven zur Verfügung stellt...“

Fürwahr ein Meisterstück. Nicht nur Telebiss fragt sich, wer möchte diesen Kampfjournalisten im Haus haben? Auf jeden Fall offenbar die Herren Stoltenberg und von Weizsäcker. Sie hatten ihn wärmstens empfohlen, lobten seine menschliche Integrität. Christdemokraten und ihre öffentlich-rechtlichen Gehilfen haben im Sender das Sagen. Gleichwohl, wissend, daß diese Personalie wieder mal Ärger machen würde, bestimmten sie Kuhlo zur „geheimen Kommandosache“ – und überraschten damit den aus den Ferien kommenden stellvertretenden Intendanten Jobst Plog. Auch der unmittelbare Vorgesetzte des designierten Stellvertreters, Jürgen Kellermeier, Chefredakteur Hörfunk, wurde vor vollendete Tatsachen gestellt. Für den naiven Leser: Die Herren Plog und Kellermeier gehören der Partei an, die im NDR nur noch zustimmen darf.

Jobst Plog aber platzte diesmal der Kragen. Er ließ keinen Zweifel, daß er den Personalvorschlag nicht mittragen und deutlich machen werde, daß er den Journalisten Kuhlo für untragbar halte. Der Eklat ist da. Intendant Räuker, ein Choleriker par excellence, sitzt auf der Antenne und frönt seiner Lieblingsbeschäftigung: den Verfolgten spielen. Da hat sie sich wieder formiert, die Phalanx der Liberalen und Linken, die jede seiner Entscheidungen konterkarieren will! Denn auch Jürgen Kellermeier und seine politische Redaktion nahen von dem ihnen oktroyierten Kollegen überhaupt nichts.

Wie ein begossener Pudel steht der neue Programmdirektor Olaf von Wrangel da. Er, der erst kürzlich sein CDU-Mandat niederlegte, die Bonner Bühne unbeschadet wie nur wenige verließ und wieder in den alten Beruf des Journalisten zurückkehrte, muß nun den Fall Kuhlo ausbaden. Über den inkriminierten Artikel ist er entsetzt. „So etwas hätte im NDR nie gesendet werden dürfen.“ Ein Fehler, eine Dummheit von Kuhlo – er soll deswegen aber von ihm abrücken? Wrangel hält sich an das Urteil von Stoltenberg und an seinen eigenen Eindruck. Warum er aber über Kuhlo nicht mit den unmittelbar Betroffenen, der Redaktion und ihrem Chef, gesprochen hat, bleibt sein Geheimnis, und es mag ihn heute reuen, daß er den schlechten Manieren seines Intendanten, die Personalie Kuhlo „geheim“ zu behandeln, nicht widersprochen hat. Der liberale CDU-Mann Wrangel, der für Offenheit und Professionalität im Sender einstehen möchte, hat einen ersten Datscher weg.

Kuhlo wäre gut beraten, seinen Posten nicht anzutreten. Was den Polit-Funktionären schnuppe zu sein scheint, kann ihm ja vielleicht nicht ganz gleichgültig sein: in einer Redaktion arbeiten zu müssen, die seinetwegen kaputtzugehen droht. Die Rechten drängeln ihn zwar, nun gerade anzutreten, aber möglicherweise hat Kuhlo einen gesunden Selbsterhaltungstrieb und bleibt, wo er ist.

Telebiss