Von Peter Coulmas

Das byzantinische Griechenland ist die längste, in mancher Hinsicht wichtigste und im Westen – auch von der so aufgeschlossenen deutschen Wissenschaft – am meisten vernachlässigte, fast unbekannte Epoche der 3000jährigen Geschichte des ältesten Volks von Europa, zugleich des jüngsten Gliedes der Europäischen Gemeinschaft. Elf Jahrhunderte, von Konstantin dem Großen, der das Christentum aus politischen Gründen zur Reichsreligion erhob, bis zum Fall Konstantinopels 1453, war Byzanz eine der großen, Mitprägenden Mächte der Zeit, beherrschte zeitweise – unter Justinian – das Gebiet des alten Imperium Romanum, trieb über Jahrhunderte hinweg eine ideenreiche, ausgeklügelte Diplomatie, die von Mauretanien bis nach Äthiopien, dem Iran und selbst nach Zentralasien reichte. Ein Jahrtausend lang stand Byzanz in der Abwehr östlichen Vordringens.

Das Abendland fühlte sich nicht betroffen, denn Ostrom war fern und fremd, geprägt von seinen eigenen Erfahrungen, den Gesetzen der griechischen Orthodoxie gehorchend. Die westliche Hälfte Europas, die aus dem Zusammenstoß und der Durchdringung des römischen Reiches und der Germanen neu geformt worden war, vermochte die welthistorischen Zusammenhänge der oströmischen Geschichte und die millenarische Zäsur des Untergangs von Byzanz nicht zu begreifen. Die Westler hatten nicht den „über alle Menschen und Staaten erhabenen“ Basileus, der gleichzeitig Haupt der Orthodoxie und des Staates war – mit der Mission, die rechte Lehre über die Welt auszubreiten.

Den Byzantinern wiederum, die – wie noch die heutigen Griechen in der Alltagssprache – sich selbst Rhomaioi, Römer nannten, fehlte die Prägung durch die determinierenden Kräfte des abendländischen Mittelalters: heidnische Mythen und Heldenlieder, Stammesvielfalt, Lehensrecht und Rittertum – bis hin zu den neuen humanistischen Antrieben der Renaissance. Mißverständnisse, politische Interessengegensätze, gegenseitige intellektuelle Geringschätzung und schließlich die Zusammenstöße während der Kreuzzüge führten dazu, daß das Abendland Byzanz zu einer Stätte der Intrigen, der Tyrannei und des Größenwahns verteufelte: Byzantinismus.

Das ist der Ausgangspunkt zweier Bücher, die der Nicht-Wahrnehmung von Byzanz bis in die neueste Zeit literarisch entgegenzutreten unternehmen:

Hans-Georg Beck: „Byzantinisches Lesebuch“; Verlag C. H. Beck, München 1982, 412 S., 48,-DM

und Eckehard Eickhoff: „Macht und Sendung – Byzantinische Weltpolitik“; Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 1982,179 S., 24,– DM.