Arbeitsplätze, die keine Zukunft mehr haben, kann auch der Staat nicht mehr retten

Wenns gut geht, wirft sich der Unternehmer in die Brust; sein Verdienst beruht auf seinem Verdienst, und weil er das Risiko getragen hat, will er auch den Hauptanteil des Gewinnes für sich.

Wenns schief geht, sind die Umstände daran schuld. Dann muß der Staat einspringen und das Defizit decken, denn Kohlengruben, Stahlwerke und die Landwirtschaft dürfen nicht Not leiden. Und sie leiden auch keine Not, weil sie notleidend sind.

Auf alle Fälle aber kann der Unternehmer nichts dafür, er trägt die Verantwortung, und wir tragen ihn.

Kurt Tucholsky

Nach fünfzig Jahren ist Kurt Tucholsky wieder – oder noch immer – aktuell. Die Worte des Schriftstellers, 1931 zu Papier gebracht, als die Weltwirtschaftskrise über Deutschland hereinbrach, könnten auch erst heute, angesichts der Diskussion über Ursachen und Konsequenzen des AEG-Zusammenbruchs, geschrieben worden sein.

Doch es sind nicht nur die Manager der AEG, die nach dem Staat rufen, um zu retten, was noch zu retten ist. Auch der Aufsichtsratsvorsitzende des zahlungsunfähigen Elektrokonzerns versuchte in den letzten Wochen immer unverhohlener, die Politiker und damit den Staat mit in die Verantwortung für die Lösung eines Falles hineinzuziehen, den er selber früher als „Prüfstein für die Marktwirtschaft“ zu bezeichnen pflegte. Dazu muß man sich ins Gedächtnis rufen, daß Hans Friderichs nicht nur im Hauptberuf Chef der zweitgrößten deutschen Bank ist, sondern auch viele Jahre lang als Bonner Wirtschaftsminister oberster Hüter der marktwirtschaftlichen Ordnung in Bonn war. Doch im Ernstfall AEG scheint er die Regeln dieser Marktwirtschaft ebenso zu vergessen wie einige der CDU angehörenden Länderwirtschaftsminister.