Von Klaus Pokatzky

Im lieblichen Tal der Tauber, auf halber Strecke zwischen Tauberbischofsheim und Bad Mergentheim, liegt das Örtchen Sachsenflur. Es hat 280 Einwohner, eine Bahnstation, eine Dorfkneipe, drei Wohngemeinschaften und auf dem höchsten Haus einen Lautsprecher, durch den, im ganzen Ort vernehmbar, die amtlichen Bekanntmachungen verlesen werden und die Freiwillige Feuerwehr zu ihren Bällen oder Übungen einlädt.

Eine der drei Wohngemeinschaften ist zugleich Vereinssitz und Redaktionskollektiv. Hier leben Reiner, Stefan und Gustav und versuchen, mit dem eingetragenen Verein "Traum-A-Land, alternative Lebensformen in der Provinz Franken" zu entwickeln. Alle zwei Monate veröffentlichen sie das Blatt Traum-A-Land (TAL), die "Provinzzeitung für Franken-Hohenlohe", 40 Seiten stark, mit Schreibmaschine getippt, in grau-umweltfreundlichem Billigdruck, Auflage 800 Stück, Preis 1,50 Mark.

Gegründet wurde TAL vor fünf Jahren, als zehn Jugendzentrums-Initiativen beschlossen, ihre Interessen gemeinsam zu vertreten und dafür ein Sprachrohr suchten, das ihre Mitteilungen und Berichte ungekürzt und unverfälscht wiedergibt. Anfangs berichtete das Blatt daher hauptsächlich über den Kampf für selbstverwaltete, autonome Jugendhäuser zwischen Amorbach und Zwingenberg, Röttingen und Gerolshofen. Später beschlossen die mittlerweile 15 Schüler, Lehrlinge, Studenten, Zivildienstleistenden und Alternativ-Jobber, jedem TAL ein Schwerpunktthema zu geben – und zwar in der Regel eines, das für "die Region" wichtig ist. So konnte man etwa in der Nummer 23 ("Ernährung: zurück zum richtigen Essen") lesen, wo es in der Gegend den "Alternativ-Reis" Grünkern gibt und was man daraus alles kochen kann, daß man sich vor Supermärkten und Schweinefleisch in acht nehmen soll und warum anderswo auf der Welt gehungert wird. Und Nummer 24 ("Friede im Land") brachte nicht nur den obligatorischen Beitrag zur Friedensbewegung, sondern auch eine Karte, auf der zu sehen war, wo überall im "lieblichen Frankenland" Nato -Tanklager und Raketenbasen, Truppenübungs- und Heeresflugplätze sind.

Die Mitarbeiter verkaufen TAL in Kneipen und an Schulen; drei Buchhandlungen und zwei Naturkostläden in Würzburg, Lauda, Wertheim und Walldürn haben das Blatt ausliegen. 40 Prozent der Leser sind Abonnenten. Zu den 15 ständigen Mitarbeitern der Redaktion kommen noch mal so viele, meistens aus Bürgerinitiativen der Umgebung. Honorare und Gehälter gibt es nicht, Anzeigen kaum. Der Druck der sechs Ausgaben pro Jahr kostet 7500 Mark, Arbeitsmaterial und Miete für die Redaktionsräume in Sachsenflur machen noch einmal 2500 Mark aus. Beim Verkauf kommen knapp 5400 Mark zusammen, so daß das Defizit von 4400 Mark vom Verein abgedeckt werden muß, durch Spenden, Gelder der Mitarbeiter oder hin und wieder ein Rock-Konzert.

Das schreckt die TAL-er freilich nicht von ihrem steten Bemühen ab, "die Provinz bunt und lebendig zu machen", wie Stefan das nennt – auch, wenn die Leute vom Lande einen dafür als "die Kommunischte" ansehen. Dabei reicht das politische Spektrum gerade mal "von alternativ bis sozialistisch", mit deutlichen Mehrheiten fürs Grüne.

Traum-A-Land steht im "riesengroßen Verzeichnis aller Alternativzeitungen", das die Bonner "Arbeitsgruppe Alternativpresse" (Agap) herausgibt, in der Rubrik "Provinzzeitungen" zwischen dem Hinterwäldler aus Pirmasens, der "Freien Zeitung der Westpfalz" und dem Tauberfränkischen Landboten aus dem nahen Tauberbischofsheim. Insgesamt 439 Zeitungen und Zeitschriften nennt das riesengroße Verzeichnis, die meisten davon wurden in den vergangenen sieben Jahren gegründet und haben eine Auflage zwischen 500 und 3000 Exemplaren: Stadtteilblätter wie der Tempelhofer Ratgeber, aus Berlin, Stadtzeitungen wie der Holzwurm aus Recklinghausen, Magazine mit farbigem Titelblatt wie der Überblick aus Düsseldorf, alternative Fachzeitungen wie die Kölner Juristen-Zeitung, Frauenblätter wie Courage in Berlin, Umweltorgane wie der Sanfte Weg aus Stadtsteinach, Anarchistisches wie die Rheinisch-Bergische Paranoia aus Solingen. Wenn man einmal so auflagenstarke Blätter wie Emma (130 000) oder die tageszeitung (taz) (40 000) dazurechnet, kommt die bundesdeutsche Alternativpresse allmonatlich auf stolze 1,6 Millionen Exemplare. Die meisten gibt es nur am Erscheinungsort und werden dort in Kneipen und linken Läden verkauft.