Die meisten Produkte sind so entstanden: Mitgieder von Bürgerinitiativen und unzufriedene Zeitungsleser fanden sich zusammen, weil sie meinten, ihr Lokalblatt würde ihre Interessen nicht genügend berücksichtigen und Leserbriefe nur verkürzt oder gar entstellt veröffentlichen.

Etabliert haben sich mittlerweile vor allem die Stadtmagazine, die neben politischen Beiträgen viel Sub-Kulturelles bieten – und gelegentlich zur Hälfte mit Veranstaltungshinweisen, Fernsehprogrammen, Kinotips und natürlich Kleinanzeigen gefüllt sind. Ein Blatt wie das vierzehntägig erscheinende Berliner ftp-Magazin (verkaufte Auflage: 87 176) oder die Szene in Hamburg (19 519) bilden die Ausnahme: Sie wollen ein breites, bürgerliches Publikum ansprechen und erwirtschaften Gewinn, während die meisten anderen Blätter nur durch die Selbstausbeutung ihrer Mitarbeiter existieren können.

Zu den ältesten und nach wie vor politischsten gehört das Kölner Volksblatt, das vor acht Jahren als ein "Zentralorgan für Bürgerinitiativen" entstand.

Das Volksblatt zwang beispielsweise in Zusammenarbeit mit Greenpeace und anderen Umweltschützern den Chemie-Konzern Bayer, seine Dünnsäureverklappung in die Nordsee einzustellen. Während Greenpeace-Leute ein Bayer-Schiff blockierten, brachten die Kollegen vom Volksblatt eine ganze Woche lang jeden zweiten Tag ein Extrablatt heraus, das 50 000mal vor allem vor den Bayer-Werkstoren verteilt wurde. Das Renommé, das sich die Amateurjournalisten inzwischen erworben haben, führte nicht nur im Fall Bayer dazu, daß sich rasch auch die Kollegen in den sogenannten bürgerlichen Medien der Sache annahmen.

Eine Erfahrung, die auch andere machten: Die Lokalzeitungen berichten ob der grün-bunten Konkurrenz oft viel kritischer über Stadtsanierung und Schnellstraßen-Projekte; und sogar die Hochglanz-Magazine der Hamburger Pressehäuser gucken gelegentlich den Alternativen die "Betroffenenberichterstattung" ab. Das zeitigt auch Selbstkritik: Man klopfe zwar "den Jungs da oben mal auf die Finger" und verweise auf die Beteiligung von Lokalpolitikern an Sanierungsgeschäften, aber zugleich berichte man über die eigene Szene recht unkritisch. Der Volksblatt- Redakteur: "Daß es in den 30 besetzten Häusern in Köln zum Teil auch unheimlich mies läuft, haben wir nie berichtet."

Das Kölner Volksblatt (Auflage 6000, Preis zwei Mark) leistet sich nur zwei feste Angestellte für je 1000 Mark, die die Verwaltungsarbeiten erledigen. Wie sich der Etat von rund 150 000 Mark genau zusammensetzt, wollen die Mitarbeiter "nicht so genau" sagen; nur, daß acht Prozent der Einnahmen aus dem Anzeigengeschäft (vor allem Bioläden und Buchhandlungen) kommen, ist zu erfahren. Und daß sie sich mit einigen erfolgreichen Buchprojekten ein Standbein geschaffen haben.

Ebenso wie das Kölner Volksblatt ist auch der Plärrer in Nürnberg im Besitz einer GmbH. Sie besteht heute "aus Leuten, die allesamt am Objekt arbeiten", sie schreiben Artikel oder sind für Technisches verantwortlich. Honorare sind bescheiden und werden nach Bedürftigkeit bezahlt. Einige Journalisten der bürgerlichen Blätter am Ort arbeiten ganz gern umsonst und anonym für den Plärrer (Auflage 9200, Preis drei Mark), weil sie hier das schreiben können, was ihre Redaktionen nicht so gerne lesen.