Auch nach dem Auszug der Palästinenser drohen dem Kleinstaat Gefahren

Von Andreas Kohlschütter

Wenn alles gutgeht, steht der Abzug der palästinensischen Freischärler aus dem Libanon bevor. Andreas Kohlschütter war in West-Beirat. Er schildert, wie es nach den letzten schweren Bombardements in der belagerten Stadt aussah und wie die Libanesen ihre Zukunft einschätzen.

Beirut, im August

Wir wollen ein kleines Stück Land, und wir wollen Frieden. Deswegen bringen uns die Israelis um.“ Naim Nasr, 33 Jahre alt, von Beruf Zimmermann, verbrachte nach der Flucht seiner Eltern aus Jaffa sein ganzes Leben in den Palästinenser-Lagern des Libanon, zehn Jahre in Tripoli, 23 Jahre im Südbeiruter Camp von Schatila. Jetzt sitzt er niedergeschlagen vor seinem völlig ausgebombten Haus. Der Geschirr- und Glasladen, in den er und sein Bruder alle ihre Ersparnisse gesteckt hatten, ist zertrümmert. „Ich habe keinem Juden je ein Leid zugefügt, warum tun sie mir das an, warum?“, er zieht seinen zwölfjährigen Sohn an sich heran und legt ihm schützend die Hand auf den Kopf: „In die Knie gehen wir nicht. Wir schlagen zurück.“

In ihrer Kesselschlacht gegen West-Beirut hat die turmhoch überlegene israelische Invasionsarmee einen neuen Vernichtungsrekord aufgestellt. Auf den „schwarzen Sonntag“ (1, August) und den „blutigen Mittwoch“ (4. August) folgte am 12. August der „schreckliche Donnerstag“: 500 Tote und Verwundete in der eingeschlossenen Stadt, 800 zerstörte Häuser, 220 Jagdbomber-Einsätze in ununterbrochenen, elf Stunden andauernden Wellen, 44 000 Granaten, Bomben, Raketen aus der Luft, aus Panzerrohren, Artilleriegeschützen und Schiffskanonen.

Monoton zirpen die Zikaden in den enthaupteten, zerfetzten Eukalyptusbäumen. Inmitten der surrealen Landschaft von Bombenkratern, Autowracks, Gesteinsbrocken, herunterhängenden Betonklötzen, verkrümmten Eisenstangen, aufgerissenen Fassaden und Kanalisationsröhren gackern Hühner. Im schwarz verbrannten Schrebergarten steht eingeschlossen von Trümmerschutt seines Stalles ein mageres Pferd, dessen Sterbekeuchen weitherum zu hören ist. Es riecht nach Brand und Verwesung. In blauer Höhe zieht ein israelisches Aufklärungsflugzeug über dem geschundenen West-Beirut seine Kreise.