"Eine moralische Niederlage für die amerikanisch-jüdische Gemeinde?"

Von Michael Naumann

Washington im August

An jedem Abend um 19 Uhr betrachtet Ronald Reagan den Zustand der Welt in ihrer vierfarbigen TV-Nachrichtenverfassung – zwischen Bier- und Seife-Reklamen. Der Präsident, sagt ein Berater, "ist schier entsetzt" über den Jammer in Nahost.

Mehr als 60 Prozent der amerikanischen Bevölkerung, deren politisches Urteil mehr denn je durch das Fernsehen geprägt wird, lehnen Israels Invasionskrieg ab. Der Kampf um Beirut, findet der Präsident, "wird symbolisiert durch ein (arabisches) Mädchen ohne Arme". Welch ungewöhnliches Mitleid an höchster Stelle: Der Politiker, der den Vietnamkrieg unter Nixon ohne derlei öffentliche Gefühlseinbrüche überstanden hatte, sah das schwerverletzte Kind in einem furchterregenden Bild aus Beirut.

Jeden Morgen erlebt auch Menachem Begin seinen festgefahrenen Krieg im Heimfernsehen: Kommentar, Bildauswahl, Schnitt, Regie und Tendenz sind amerikanisch. Wie ein glückloser Impresario seine harschen Theaterkritiken, so bewertet der jüdische Premier die öffentlich-amerikanische TV-Darstellung des Libanon-Abenteuers anhand überspielter Nachrichten-Mitschnitte der israelischen Botschaft in Washington.

Der erste total mediale Krieg