Von Ulrich Greiner

Auch das Wirtschaftsleben hat seine pathetischen Momente. Zwar ist es organisiert nach der Logik des Geldes, wird beherrscht von Männern, die gelernt haben, Verstandeskälte zu üben, auch wenn ihnen der Schweiß auf der Stirn steht. Aber manchmal, in seltenen Augenblicken, brechen sentimentalische Stimmungen und große Gefühle hervor. "Mir ist, als weht aus einer andern Welt ein Hauch mich an", sagt der Fleischkönig Pierpont Mauler in der "Heiligen Johanna der Schlachthöfe". Brecht schrieb das in höhnischer Absicht, insgeheim aber auch fasziniert von den gewaltigen Aufschwüngen und Abstürzen, die die Welt der Wirtschaft von Zeit zu Zeit erlebt.

Die Nachrufe auf die AEG, in den Wirtschaftsteilen der Zeitungen und in den öffentlichen Kommentaren, hatten dieses Pathos. Sie waren nicht bloß sachlich, nicht bloß bedauernd oder warnend. Ein Hauch von Tragik umwehte sie, ein ungewohnter Ton von Melancholie und Betroffenheit klang da mit, als ginge es um den Tod eines großen Mannes.

Diese Trauer über den schmählichen Niedergang eines der größten und ältesten Konzerne ist die Trauer um ein Identifikationsobjekt, um einen Inbegriff deutscher Tüchtigkeit. Wer da trauert, ist klar: Es sind die Leiter und Lenker des Wirtschaftslebens. Und wer da nicht trauert, ist ebenfalls leicht zu sehen: Es sind alle die, die mit dem, was man "Wirtschaft" nennt, keinen oder nur einen losen Kontakt haben. Mir zum Beispiel ist das Schicksal der AEG gleichgültig. Zwar besitze ich einen Kühlschrank dieses Fabrikats (der leider mangelhaft funktioniert), und ich begreife auch, daß der Fall der AEG ein düsteres Zeichen für die wirtschaftliche Situation insgesamt ist, daß die Arbeitslosigkeit, die nun Tausenden droht, schrecklich ist und auch mich eines Tages treffen könnte.

Dennoch sind mir Trauer oder gar Betroffenheit völlig fern, und ich habe den Eindruck, daß ich mit dieser Kaltherzigkeit nicht allein stehe, sondern daß viele andere ebenso empfinden. Merkwürdig ist das schon, denn tatsächlich ist die AEG nicht irgendein Unternehmen, sondern ein Symbol für all das, worauf sich unser Reichtum stützt: technischer Fortschritt, wirtschaftliches Wachstum. Die relative Gleichgültigkeit angesichts des Schicksals der AEG hängt aber vermutlich genau damit zusammen: daß vielen von uns diese Begriffe problematisch geworden sind, und zwar nicht erst durch die Ökologie-Debatte. Die hat nur bewußt gemacht, was älteren Ursprungs ist: eine wachsende Entfremdung zwischen den Erfordernissen der Wirtschaft und den Bedürfnissen der Menschen.

Wir Nachkriegskinder zum Beispiel sind zu äußerster Sparsamkeit erzogen worden. Kleider wurden so lange getragen, bis sie kaputt waren, Lebensmittel wurden in keinem Fall weggeworfen, Gebrauchsgegenstände wurden erst dann durch neue ersetzt, wenn sie wirklich nicht mehr zu reparieren waren. Es ist klar, daß unser Wirtschaftssystem zusammenbräche, wenn alle Menschen diese Maxime befolgten. Die bürgerliche Tugend der Sparsamkeit ist eine der historischen Bedingungen unseres wirtschaftlichen Wachstums, und eben dieses Wachstum verlangt von uns, diese Tugend aufzugeben.

Es gibt andere Beispiele. Eines der Hobbys der CDU ist die Familienpolitik. Eheliche Treue, familiäres Zusammenstehen, Bodenständigkeit und Heimatverbundenheit sind einige ihrer Illusionen. Das sind auch die moralischen Kriterien, nach denen wir erzogen worden sind. Kürzlich hat ein Vertreter der deutschen Industrie im Fernsehen bemerkt, angesichts des angespannten Arbeitsmarktes müsse vom deutschen Arbeiter mehr Mobilität verlangt werden. Das heißt, daß ein Mann, der in Gelsenkirchen keine Arbeit findet, nach Heilbronn umziehen muß, auch wenn seine Familie darüber auseinanderfällt.