Von Gerhard Meyenburg

Ich bedaure, daß die Geschäfte so gut gehen.“ Ein Vorstand, der so spricht, ist normalerweise von allen kaufmännischen Geistern verlassen – nicht so beim Pensionssicherungs-Verein, denn dort ist gute Beschäftigung ein schlechtes Geschäft, und dort spiegelt sich die schlechte Konjunktur. Deshalb nahm die Mitgliederversammlung am 8. Juli in Köln die Klage von Jürgen Paulsdorff auch mit Verständnis und Besorgnis auf. Denn die Geschäfte des Vereins sind nicht auf Gewinn gerichtet. Der PSV erfüllt eine sozialpolitische Aufgabe: Er übernimmt und sichert laufende Betriebsrenten und unverfallbare Anwartschaften auf Pensionen, wenn Unternehmen zahlungsunfähig sind. Jede Mark, die das kostet, müssen die 34 000 Firmen aufbringen, die eine pleiteanfällige betriebliche Altersversorgung unterhalten und darum kraft Gesetzes Mitglied des Vereins sind. Ihr Interesse kann deshalb nur darin bestehen, den Umsatz gering zu halten.

Davon sind sie jedoch weiter entfernt denn je. Ihre Solidarität wird auf die bisher härteste Probe gestellt. Ohnehin hat die Insolvenzsicherungvon Betriebsrenten bei andauernd schlechter Wirtschaftslage und einer niederschmetternden Pleitewelle Hochkonjunktur. Die Schadenssumme nahm 1981 auf 277 Millionen Mark zu – ein Rekord in der kurzen, bis 1975 zurückreichenden Geschichte des Vereins. Nun aber werden alle Vorstellungen von normalem oder durch konjunkturelle Einflüsse aufgeblähtem Schadenvolumen umgestürzt. Schuld daran ist der Vergleichsantrag des Elektroriesen AEG-Telefunken beim Amtsgericht. Hat der Verein bei außergerichtlichem Vergleich oder wirtschaftlicher Notlage von Unternehmen noch Ermessensspielraum, ob und wieviel er leistet, gerichtlicher Vergleich und Konkurs lassen ihm keine Wahl: Er muß antreten.

In dem Verhältnis, in dem sich die AEG im Einverständnis mit der Mehrheit ihrer Gläubiger von ihren Schulden befreit, muß der Pensionssicherungs-Verein für die Altersversorgung der Mitarbeiter einspringen. Sechzig Prozent ihrer Forderung hätten Banken und Lieferanten abzuschreiben, sechzig Prozent der laufenden AEG-Renten und der unverfallbaren Anwartschaften hätte der Verein zu übernehmen. Kein Wunder, daß er, der seine segensreiche Tätigkeit bislang im verborgenen ausübte, plötzlich öffentliche Aufmerksamkeit erregt. Wer einem todkranken Konzern fast zwei Milliarden Mark an Verpflichtungen abnimmt, kann der Publizität sicher sein.

Diese schockierende Summe macht den PSV wohl zum Hauptsanierer von AEG. Vorstandsmitglied Eckart Windel veranschlagt den – einmaligen – Aufwand für die laufenden Betriebsrenten mit etwa einer Milliarde Mark und die Belastung aus unverfallbaren Pensionsansprüchen (in der Regel nach zehnjähriger Betriebszugehörigkeit) fast ebenso hoch. Damit schrumpfen die schweren Brocken der Vergangenheit, die Anker-Werke in Bielefeld und Beton- und Monierbau in Düsseldorf, mit 45 und 35 Millionen Mark für die laufenden Renten, rückblickend zu Bagatellen. Die sechzigprozentige Absicherung der 27 000 laufenden AEG-Renten erfordert einen Betrag, der dem gesamten Schadensvolumen in den sieben Jahren von 1975 bis 1981 entspricht. Wird das Vergleichsverfahren noch in diesem Jahr eröffnet – womit für den PSV die Leistungspflicht entstünde – steigt der Beitragssatz von zwei Promille 1981 auf acht bis zehn Promille der Beitragsbemessungsgrundlage – also der rechnerisch notwendigen (nicht der tatsächlich vorhandenen) Pensionsrückstellungen der Mitgliedsfirmen.

In absoluten Zahlen heißt das: Bei einer auf 145 Milliarden Mark wachsenden Beitragsbasis würde das Beitragsaufkommen 1982 von 269 Millionen auf mindestens 1,16 Milliarden Mark hochschießen. „Das ist jenseits von allem, was wir bisher gemacht haben“, räumt Windel ein. Der AEG-Konkurrent Siemens etwa hätte in diesem Jahr rund vierzig Millionen Mark aufzubringen nach 8,5 Millionen Mark für 1981.

Neben dem normalen Schadenanfall wären damit aber nur sechzig Prozent der laufenden AEG-Renten finanziert, die der PSV gegen einmaligen Beitrag einem Konsortium von 79 Lebensversicherern überträgt. Hinzu kämen noch die Anwartschaften, die allerdings erst etwas kosten, wenn die Anwärter zu Rentnern werden. Diese Last verteilt sich auf bis zu dreißig Jahren, löst also nicht noch einmal einen ähnlich spektakulären Beitragssprung aus.