„Waldstein – Ein Roman aus barocker Zeit“, von Sven Delblanc. Durch ein phantastisches Deutschland (Schlesien, Breslau, Berlin) wandern im Jahr 1784 Don Quichote und Sancho Pansa, für diesmal der flüchtige Hilfspastor Hermann Anderz aus Waldstein („Ich bin immer von so einem seltsamen Trieb besessen gewesen, ein großer Mann zu werden. Heiliger oder Feldherr oder Staatsmann oder Dichter oder Philosoph, was weiß ich .. .) und sein Kumpan Lang-Hans („ein Bauernlümmel ohne Benehmen und education), der flüchtige Diener des Herrn auf Waldstein,des Generals von Prittwitz. Dulcinea, die Tochter des Generals Ermelinda von Prittwitz (bei deren Liebschaft mit einem Diener Strindbergs „Fräulein Julie“ Pate gestanden hat), zieht im Traum des Pastors mit. Reales verknüpft sich mit Unwirklichkeit: Gärten, Schlösser, Wirtshäuser, Bordelle tun sich auf. Schlachten werden geschlagen, die in keinem Geschichtsbuch stehen, Gespräche mit Lebenden und Toten geführt (Herr von Goethe, der sich als Herr von Stein präsentiert; ein bösartig gezeichneter Alter Fritz; der französische Marschall Duc de Villars). Das Gespräch zwischen Goethe – unterwegs als Minister, Naturwissenschaftler und Dilettant – und dem Pastor (hier in der Rolle eines Faust, der „leider auch Theologie studiert“ hat und „zwischen Ekstase und Überdruß“ schwankt) gehört zu den am meisten gelungenen Partien des Romans. Die Langen Kerls, auf die der Roman immer wieder zurückkommt, waren doch nicht die Spezialität Friedrichs des Großen, sondern Friedrich Wilhelms des Ersten. Davon, daß der Soldat den Marschallstab im Tornister trägt, kann im Jahr 1784 nicht die Rede gewesen sein, das gilt erst für die Bonapartische Revolutionsarmee.

Auf weite Strecken hin ist es diesem Werk des Phantastischen Realismus (schwedisch 1963) gelungen, ein originelles Freundespaar in einem saftig geschilderten Deutschland auf die Beine zu bringen. Schade nur ist die triviale Auflösung: Der Pastor enthüllt sich am Ende als ehelicher Sohn des Generals von Prittwitz – ein standesgemäßer Gatte für Ermelinda von Prittwitz. Das Buch liest sich wie ein Original, kraftvoll, bilderreich, mit einer leichten historischen Patina, durchsetzt von Gegenwartselementen – eine herausragende Übersetzerleistung. (Aus dem Schwedischen von Hans-Joachim Maass; Klett-Cotta Verlag, Stuttgart, 1981; 352 S., 32,– DM.)

Anni Carlsson