Ein junger Mann blickt uns an, ein Venezianer der Renaissance; die strenge Frontalität seiner ebenmäßigen Gesichtszüge wird gemildert durch ein Lächeln, das die Mundwinkel umspielt. Wir sind gefangen von diesem Porträt, das Lorenzo Lotto gemalt hat – und lesen die Bildunterschrift: „Jüngling, der Lorenzo Lotto anschaut. “ Mit einem Schlag sind wir zurückversetzt in das Jahr 1507, die Situation von Maler und Modell wird evoziert, wir sind nicht mehr das Gegenüber, sondern nur noch ferne Beobachter. Zeitliche Distanz, die Einmaligkeit des Augenblicks, dazu das Hier und Jetzt des Betrachters: Das kann kaum treffender bezeichnet werden.

In einem anderen Werk, „Mimesis“, wurden zwei Kopien klassizistischer Skulpturen so einander gegenübergestellt, daß sie sich „anschauen“; das Hermetische des Kunstwerkes wird thematisiert, es ist für sich, in einem geschlossenen Kreis, in den der Betrachter durch das Schauen einzudringen versucht.

Mit dem Wesen von Kunst beschäftigt sich Giulio Paolini, unserem Verhalten ihr gegenüber, mit dem, was passiert, wenn wir Kunst betrachten, sie kunsthistorisch behandeln und im Museum, in der Galerie ausstellen. Paolini wurde 1940 in Italien geboren, in einem Land, das wie kein anderes vollgestopft ist mit Hauptwerken der Kunstgeschichte, in dem der tägliche Umgang mit Kunst so selbstverständlich ist wie der Besuch von Bar und Tea Room nebenan. Dieses Umgehen mit Kunst gehört zum Kernpunkt seiner Arbeit.

Paolini wuchs künstlerisch in den sechziger Jahren heran, als nach der lauten, bunten Pop-Art die zurückhaltenderen, fragenden Überlegungen der Konzept- und Minimal-Kunst entwickelt wurden und, als eigenständig italienische Erscheinung, die Arte Povera, eine Kunst der ärmlichen, unscheinbaren Materialien, entstand. Neben Paolini gehören Mario Merz, Jannis Kounellis und Giuseppe Penone in diesen Zusammenhang. De Chirico ist mit seinen Bildern aus Artifiziellem und – scheinbarer – Realität, aus Verwirrung und Geheimnis der Italiener, in dessen Tradition Paolini steht; und ebenso vorbildhaft ist für ihn die auf Reflexion und Frage basierende Kunst Magrittes, dessen Werk immer wieder um die Künstlichkeit der Kunst kreist.

Paolinis in Berlin ausgestellte Arbeit „Del bello intelligibile“ – Die geistige Schönheit – behandelt die Bedingungen, unter denen wir Kunst wahrnehmen: die Präsentation im Museum, die Anordnung nach Schulen, Daten und Formaten. Das Werk besteht aus mehreren Serien, die sich in einem Punkt gleichen: es ist jeweils eine Reihe von in Goldfarbe gedruckten, kleinformatigen Bildern, die von auffallenden, goldenen Rahmen gefaßt sind. Damit ist bereits ein wesentlicher Aspekt des Museums auffallenden, die Nobilitierung alles dessen, das hineingelangt, das Entrücken aus dem alltäglichen Leben, der hohe materielle wie gesellschaftliche Anspruch.

Jedes Einzelblatt ist mit demselben Sujet bedruckt, einer Vielzahl winziger, im Grunde nicht lesbarer Abbildungen, die ein Thema, einen Parameter, wie Paolini es nennt, gemeinsam haben. Das können etwa Künstlerselbstbildnisse sein, Abbildungen aus dem Katalog einer Kupferstichsammlung oder Entstehungsdaten von Gemälden, Details also aus dem kunsthistorischen Ordnungssystem, sei es Gattung, Technik oder Datierung. Die Anzahl der goldgerahmten Einzelblätter entspricht nun der Anzahl der winzigen Abbildungen auf dem Einzelblatt. Jedes Blatt trägt einen Titel, der sich nur auf eine der kleinen Abbildungen bezieht. So steht etwa „G. Lorenzo Bernini“ oder „Angelica Kauffmann“ für die Gattung Selbstporträt, und jeder einzelne der abgebildeten Künstler übernimmt jeweils die Autorschaft für die Gesamtheit der kleinen Einzelbilder. Mit der kunsthistorischen Einordnung verliert das Kunstwerk seine Einmaligkeit; innerhalb des Parameters steht jedes Werk für das andere, ist das eine wie das andere austauschbar.

Als gemeinsame Veranstaltung der Kunsthalle Bielefeld, des Wuppertaler Von der Heydt-Museums, des Neuen Berliner Kunstvereins und des Berliner Künstlerprogramms des DAAD – dessen Gast Paolini augenblicklich ist – hat die Schau in Berlin nun ihre dritte Station – in veränderter Form. Hier an der Spree bezieht sie sich auf Schinkel und die Museumsinsel im alten Zentrum der Stadt. „Museumsinsel“ heißt das Hauptexponat: Ansichten von Galerien aus aller Welt sind in der gewohnten Weise im Minimalformat auf goldgerahmten Folioblättern aufgereiht, der Name jeweils eines Museums ist daruntergeschrieben.