Berlin: „Günther Uecker: Wittenheider Aquarelle“

Um seine Studenten mit Grenzsituationen des Lebens vertraut zu machen, um ihr humanistisch künstlerisches Sensorium zu vertiefen, unternimmt Günther Uecker mit ihnen Reisen zu ungewohnten extremen Orten, Krebskliniken etwa oder Bergwerken. Vor zwei Jahren besuchte die Gruppe die psychiatrische Klinik Wittenheid in der Schweiz. Ueckers schriftlichen Notizen ist die Betroffenheit, die Unsicherheit anzumerken: „Nun in Wittenheid, welche Tiefen öffnen sich mir, bin ich der Gegenstand meiner Betrachtungen, bin ich ein Patient – und welchen Normen werde ich mich unterwerfen, um mich zu unterscheiden von denen, welche in Angst und Not sind, die krank sind, was scheidet den Kranken vom Gesunden?“ Unmittelbare Folge des emotionalen Aufruhrs ist eine lange Reihe kleiner Landschaftsaquarelle. Für Uecker, Mitbegründer der rheinischen Zero-Gruppe (zu der auch Mack und Piene gehörten) und Verfertiger der berühmten Nagelbilder, eine ganz ungewöhnliche Kunstform – und Kunst sollen sie wohl auch weniger sein, eher gleichsam automatische Umsetzung des Gesehenen und Erlebten, Abarbeiten tiefer Empfindungen. Immer wieder vom selben Standpunkt aus betrachtet, wird die Landschaft doch auf jedem Blatt anders wiedergegeben, die Umsetzung reicht von der naturalistischen farbigen Studie über schwarzweiße Strichstrukturen bis zu wenigen breiten parallelen Farbstreifen. Die Ähnlichkeit mit den Strukturen seiner Nagelbilder ist dabei gelegentlich verblüffend. Ebenso wie die Landschaftsbilder, und mehr noch als sie, stellen die Aquarelle Seelenbilder dar, die Uecker auf die Landschaft überträgt. Mal.sehr spontan und impulsiv, mal kontrollierter. In der Reihung ergeben diese Etüden ein beeindruckendes Zeugnis menschlichen Empfindens und sind in ihrer Geringfügigkeit zugleich Beweis großer künstlerischer Sicherheit. (Neue Nationalgalerie bis 5. September) Ernst Busche

München: „Karl Valentin – Volkssänger? Dadaist?“

Karl Valentin, der bayerische Querdenker, war ein letzter Nachfahr der Scholastik, er hat den alten Universalienstreit, ob die Dinge zuerst da waren oder die Begriffe davon, für sich so entschieden, daß beides zusammenfällt. Die komische Wirkung seiner Dialoge entsteht nicht zuletzt dadurch, daß von einem konkreten Wurm in einem konkreten Apfel und von der Idee des Wurms im Apfel zugleich die Rede ist. Das führt dann zu Mißverständnissen, die aufzuklären die Sprache nicht imstande ist, da der eine wie der andere sich auf sie beruft. Nun ist es nicht so, daß das Aneinandervorbeireden Kommunikation ausschließt, das Gespräch findet eben auf einer Nonsensebene statt, hinter der sich unvermittelt letzte Fragen auftun. Valentins Filme und Schallplatten, die die ins Unendliche führende Spirale der Worte vorführen, sind in der Ausstellung zu sehen und zu hören. Die aus Anlaß seines hundertsten Geburtstages zusammengetragenen Dokumente zu Valentins Leben und Karriere sind etwas philologisch aufbereitet, lebendig wird die Schau erst bei der Rekonstruktion des Panoptikums, das er 1934 einem staunenden Publikum vorstellte. Hereinspaziert, hier gibt es den berühmten Winterzahnstocher, das nicht minder spektakuläre Ei, mit dem Kolumbus Amerika entdeckt hat, und die Flinte, die einer ins Korn geworfen hat. Schauriges ist zu besichtigen, Folterkammer und Guillotine, ein tragischer Irrtum der Natur, eine Schildkröte im Vogelhaus, und auch ein alter Hut aus Filz. Diese Sammlung von Gegenständen, die oft aus dem Wörtlichnehmen von Sprache entstanden sind, enthält eine Reihe von Stücken, die an verwandte Schöpfungen von Dada und Surrealismus erinnern, an Arbeiten von Duchamp, Meret Oppenheim und Joseph Cornell – die lebensechten Wachsfiguren, die das Publikum in einem Kino darstellen, weisen sogar voraus auf den Hyperrealismus unserer Tage. Oder vielleicht doch eher zurück auf das Kabinett der Madame Tussaud? Valentin hat sich, wie Duchamp, mit Sprachspielen beschäftigt und mit dem Eigenleben der Dinge, das die Surrealisten zu entdecken suchten, er nahm aber das Banale beim Nennwert und zielte nicht auf das Wunderbare, das sich beim Zusammenstoß des Gedankens mit der Wirklichkeit ereignet. Valentin, ein verhinderter Avantgardist? Wohl kaum, aber einer, der sich auskannte mit der Absurdität der Welt. (Stadtmuseum bis 3. Oktober; Katalog 25 Mark) Helmut Schneider

Wichtige Ausstellungen

Berlin: „Mythen der Neuen Welt“ (Martin-Gropius-Bau bis 29. 8., Katalog 28 Mark)

Hamburg: „Frida Kahlo und Tina Modotti“ (Kunstverein bis 12. 9. ‚ Katalog 22 Mark)