In voller Wanderausrüstung sitzen wir auf der Ruhebank und genießen schläfrig und verträumt das herrliche Panorama. Es war ein Fehler, vor der geplanten Wanderung einzukehren zu üppigem Mahl. Die Lammkoteletts waren saftig und zart, der bei Tisch belebende Burgunder entfaltet nun seinen eher besinnlichen Charakter. Die Nachmittagswanderung fällt aus.

Tief unter uns liegt der Stausee der Obersauer, gesprenkelt mit Paddelbooten, zwischen denen weiße und bunte Segel eine sanfte Bahn auf dunkelblauem Wasser ziehen. Der See ist eines der beliebtesten Reiseziele im Ösling, einem etwa 450 Meter hoch liegenden Plateau, das von schmalen, malerischen Flußtälern durchfurcht wird. Luxemburgs Anteil an den Ardennen, die sich von Frankreich über Belgien bis nach Deutschland in die Eifel erstrecken, nimmt ungefähr ein Drittel des Großherzogtums ein.

„Schön haben Sie’s hier“, rufe ich am nächsten Morgen unserer Wirtin zu und schaue in den blauen, wolkenlosen Himmel. Wir haben uns für eine Woche in ihrer Ferienwohnung eingemietet. Die Hausfrau richtet sich im Gemüsebeet auf. Ihr rosiges Gesicht belebt sich in freudiger Erwartung eines kleinen Plausches.

„Ja, ja, schön ist’s hier im Sommer“, sagt sie, „aber Sie müßten mal einen Winter erleben: feucht, kalt und stürmisch, und das manchmal bis in den Mai hinein. Es geht schon rauher zu hier oben als im Gutland.“ Damit meint sie den südlichen Teil des Ländchens.

Die Öslinger hatten es immer schwer, auf den dünnen, kalk- und phosphorarmen Böden ein Auskommen zu finden. Ihr Land entvölkerte sich. Die als Düngemittel verwendete Thomasschlacke, die seit Ende des 19. Jahrhunderts bei der Stahlerzeugung im Süden Luxemburgs gewonnen wird, brachte eine Besserung, konnte aber die Abwanderung nicht stoppen. Die Landwirtschaft lohnt sich nur in modernen Großbetrieben. Wer von den „Kleinen“ der Scholle treu bleiben will, ist Landwirt nur im Nebenberuf. Seit den sechziger Jahren sind im Ösling, verstreut, mit kräftiger Beihilfe der Landesregierung mittlere Industriebetriebe entstanden. So läßt es sich zwar im Heimatdorf wohnen, dafür müssen aber längere Anfahrtswege in Kauf genommen werden.

Unser Hauswirt arbeitet bei einem Reifenhersteller im 30 Kilometer entfernten Colmar-Berg. Die Ställe seines Hofes hat er zur schmucken, bequem eingerichteten Ferienwohnung umgebaut. Im Fremdenverkehr hätten die Bauern doch eine gute Erwerbsquelle, sage ich. „Manche wissen sich der neuen Zeit anzupassen“, antwortet die Wirtin stolz lächelnd. „Doch die Luxemburger“, erklärt sie mir dann, „und vor allem die Öslinger Dickköpfe, sind nicht so schnell bereit, sich umzustellen. Sie sind eher konservativ und risikoscheu, zurückhaltend und ein bißchen mißtrauisch den Fremden gegenüber.“

Das Aushängeschild „Zimmer mit Frühstück“ ist in Luxemburg selten an einem Privathaus zu sehen. Dafür aber locken die immer zahlreicher werdenden holländischen Wirte mit dem Versprechen: „De koffie is klaar.“ In den letzten Jahren sind auf den Öslinger Koppen einzelne Feriensiedlungen entstanden, nicht immer zum Vorteil des Landschaftsbildes.