Von Wilhelm Herzog

Großväterchen fehlt uns. Er ist immer an der Piazza gesessen, sein Stammplatz war die Steinbank an der Kirche unter der Gedenktafel für die Gefallenen der beiden Weltkriege. Wer das Dorf verläßt, muß dort vorbeigehen, auf der Piazza parken die Autos.

Immer haben wir ein paar Worte gewechselt mit il nonno, dem Großväterchen, wenn wir zur Piazza gingen, um hinunterzufahren an die Küste, oder wenn wir zurückkamen aus der Stadt. Was man so schwätzt, meist über das Wetter. II nonno wußte immer genau, wie das Wetter würde; sein Bein sagte es ihm, ein österreichisches Schrapnell hatte es im Ersten Weltkrieg an der Front in den Alpen zerschmettert. Seither war das Bein ein wenig schief, und Großväterchen, 156 Zentimeter groß, humpelte sehr eindrucksvoll und konnte das Wetter vorhersagen. Was hier allerdings keine große Kunst ist, denn das Wetter ändert sich seiten; in diesem Jahr hat es schon seit drei Monaten nicht mehr geregnet.

Nun ist Großväterchen tot, und das Schwätzchen mit ihm fehlt uns. Fast 92 Jahre alt ist er geworden; er hat la nonna, seine Frau, nur um ein Jahr überlebt. Über 60 Jahre waren sie verheiratet. „Er hatte einfach keine Lust mehr zu leben“, sagt Brigida, seine Tochter; sie ist unsere Nachbarin, Sie und ihre Geschwister im Dorf haben abwechselnd den nonno versorgt nach dem Tode der nonna. Ach, es war nicht leicht. Denn Großväterchen war grantig geworden, seit seine Frau nicht mehr lebte. Nichts war ihm recht. Die Spaghetti waren zu weich oder zu hart, der Sugo zu salzig, der Wein zu kalt, nein, er hatte einfach keine Lust mehr zu leben, er wollte wieder mit seiner Frau Zusammensein.

Heute ist der Festtag San Giovanni Battista. Das ist ein wichtiger Tag für unser Dorf, denn es ist Johannes dem Täufer geweiht. Heute ist ein Donnerstag, aber es ist kein gewöhnlicher Alltag. Für unser Dorf ist es ein Festtag, niemand geht zur Arbeit. Für 13 Kinder ist es der Tag der Erstkommunion. Auch Tamara, die Tochter von Sergio, ist dabei. Sergio ist der Schwiegersohn unseres anderen Nachbarn, eines Blumen-, Artischocken- und Weinbauern. Blond, groß und kräftig ist Sergio; er stammt aus der Provinz Venetien und ist Maurer. Vor 14 Jahren ist er hier im Dorf hängengeblieben; er hatte beim Tanz Laura kennengelernt, die Tochter des Bauern. Sergio war damals beim Bau der Riviera-Autobahn, der autostrada dei fiori, beschäftigt. Nun hat er sich selbständig gemacht; er arbeitet mit zwei anderen auf eigene Rechnung.

Alle bemühen sich, ein ernstes und feierliches Gesicht zu machen bei der heiligen Kommunion und später bei der Prozession durchs Dorf. Die Blaskapelle, aus einem Dorf 15 Kilometer von hier eigens hergeholt, spielt bei der Prozession ernste, getragene Weisen. Aber ganz ernst und feierlich zu sein, das gelingt niemandem. Nicht einmal dem Bischof aus der Stadt, der zu uns gekommen ist, um dem heiligen Fest die Weihe zu geben. Er sieht eher fröhlich aus und heiter. Schön gar nicht gelingt es dem Dorfgeistlichen. Er muß hier und da ein paar Worte wechseln mit den Umstehenden. Einige fordert er auf, sich der Prozession anzuschließen. „Wozu?“ entgegnet einer, „dann habt ihr ja keine Zuschauer, und ohne Zuschauer – was ist die Prozession da schon wert!“ Ein Philosoph.

Am ernstesten blicken noch die jungen Männer, die sich in der Kirche die Figurengruppe „Der heilige Johannes tauft Jesus Christus“ auf die Schultern wuchten und nun leise vor sich hinfluchend das schwere Ding die Treppen und abschüssigen Wege runter und rauf der Prozession vorantragen. Nur Nello, einer der vielen Neffen unserer Nachbarin und Anführer der Dorf-Ragazzi, schafft es, noch unter der frommen Last den Mädchen zuzuzwinkern, deutsche bevorzugt.