Von Dirk Bavendamm

Journalismus ist überhaupt kein Weg zur Unsterblichkeit“, meint Sebastian Haffner, der selbst zu den Großen dieser Zunft gehört. In den fünfziger und sechziger Jahren schrieb er für den Observer, die Welt und den Stern. Eine Zeitlang belieferte Haffner sogar die linke Skandalgazette konkret mit sogenannten „Buchkolumnen“, einer Mischung aus Rezension und Meinungsbeitrag. Sie erschienen jetzt als Sammelband:

Sebastian Haffner: „Zur Zeitgeschichte“, 36 Essays; Kindler-Verlag, München 1982, 225 S., 19,80 DM.

Die Beiträge entstanden zwischen 1963 und 1971, also lange vor Haffners Preußen-Buch und seinen „Anmerkungen zu Hitler“, die wahre Bestseller wurden. Sie fallen in eine unruhige und spannungsreiche Zeit.

Damals wandte sich Haffner der Historie zu, vielleicht auch in dem unbewußten Wunsch, etwas für die eigene Unsterblichkeit zu tun. „Leider sind viele Historiker nur Journalisten des Gestern“, schreibt er in der Einleitung zu diesem Band, der gewissermaßen den Wendepunkt zu seiner Schriftstellerlaufbahn markiert. Man möchte Haffner entgegenhalten: Wenn sie es nur wären! Im Grunde nämlich tun die meisten Fachhistoriker das, was der Journalist Haffner hier als Erfolgsrezept hinstellt: Sie schirmen alles ab, was nicht zur Sache gehört – und mit dem Zufall verschwindet auch der Zauber aus ihren Werken, die daher nur selten hohe Auflagen erreichen.

Dagegen lebt doch alles, was Haffner schreibt, von scheinbar zufälligen Gedanken, Wendungen und Assoziationen, die über den eigentlichen Gegenstand hinausgreifen, ihn in einem überraschend neuen Licht zeigen oder in einen unerwarteten Zusammenhang bringen. Fast jeder der hier versammelten 35 Beiträge bestätigt das.

Bei näherem Hinsehen merkt man freilich, daß ihr Strukturprinzip keineswegs der reine Zufall ist. Haffner läßt sich von seinen Eingebungen nicht zum Spielball machen. Vielmehr könnte man ihn als Meister des gelenkten Einfalls bezeichnen. Denn die meisten seiner Gedankenblitze, die er gern mit einem „übrigens“ oder „nebenbei“ einleitet, stehen im Dienste einer bestimmten Erkenntnis. Sie sind notwendig und schöpferisch, weil sie manchen historischen Sachverhalt besser erhellen als gelehrte Deduktionen.