Der SED-Generalsekretär wird siebzig – Eine Bilanz seiner elf Jahre Herrschaft

Von Joachim Nawrocki

Erich Honecker galt als Apparatschik, hart und medioker zugleich, ein Abgrenzunespolitiker und Sicherheitsfanatiker – vor elf Jahren, als er seinen Förderer und Mentor Walter Ulbricht ablöste. Er hatte die Jugendorganisation FDJ, die ja ursprünglich überparteilich angelegt war, auf strammen SED-Kurs getrimmt. Ulbricht hatte ihn vorgeschickt, als es darum ging, 1956/57 die oppositionelle Harich-Gruppe und ein Jahr später die Anti-Ulbricht-Fronde um Karl Schirdewan und Ernst Wollweber auszumanövrieren – durch Verhaftungen und Prozesse im ersten, durch Parteistrafen und Kaltstellung im zweiten Falle. Als Sekretär für Sicherheitsfragen im Zentralkomitee reorganisierte und ideologisierte er Armee, Polizei und Staatssicherheit. Erich Honecker war es auch, der 1961 den Mauerbau so perfekt vorbereitete, daß der Westen total überrascht wurde.

Das politische Credo Honeckers lautete damals wie heute: Sicherheit nach innen, Abgrenzung nach außen, unbedingte Treue zur Sowjetunion. Schon 1958, bei der öffentlichen Abrechnung mit der Schirdewan-Wollweber-Gruppe hatte er seinen Kontrahenten die Meinung als Irrtum angekreidet, "daß die Politik der Entspannung auch ein Nachlassen des Kampfes gegen den Klassenfeind bedeutet". In Wahrheit habe Entspannung eine Stärkung der DDR zur Voraussetzung.

Als Honecker im Mai 1971 an die Spitze trat, traute ihm niemand recht zu, der DDR seinen eigenen Stempel aufzudrücken. Manche hofften, daß Honecker bedingungsloser als Ulbricht die sowjetische Entspannungspolitik im deutsch-deutschen Verhältnis nachvollziehen werde. Andere befürchteten, daß Honeckers "begrenzter Andere satz" das Ende aller Politik bedeuten werde. Ob der Emporkömmling sich gegen seine Rivalen im Politbüro würde halten können, war eine viel erörterte Frage.

Er hat sich gehalten. Mitte nächster Woche wird er siebzig Jahre, und es hat den Anschein, als sei die Ära Honecker noch lange nicht zu Ende. Er wirkt gesund, sieht weit jünger aus, als er ist, ist kompetent und unangefochten, nimmt Reisen nach Afrika, Fernost und Mittelamerika auf sich und wird Ende des Jahres vielleicht sogar in die Bundesrepublik kommen – unter anderem, um seine saarländische Heimat zu besuchen, der er sich noch immer verbunden fühlt.

Ginge es nach dem, was in der westlichen Presse so spekuliert wird, dann hätte Honecker sich mehrmals nur mühsam gegen seine innerparteilichen Gegner durchsetzen können, sein Stern wäre längst im Sinken, hatten ihn auch die Sowjets längst abgeschrieben. Die Schwierigkeiten der Kreml-Astrologie werden daran deutlich. Was wirklich im Politbüro vorgeht, weiß niemand. Es bleibt auch den vielen westlichen Diplomaten und den Ständigen Vertretern der Bundesrepublik verborgen, die regelmäßige Kontakte zur Führungsgarnitur in Ost-Berlin haben.