Nicht nur Gurtmuffel, auch Verkehrsstrafrichter sei er, schrieb der Stuttgarter Vorsitzende Richter am Landgericht, Hans Kindermann, in einem Leserbrief an die Stuttgarter Zeitung. Was die Anschnallpflicht im Auto betreffe, so werde "die Bevölkerung von den interessierten Kreisen, aber auch von den Massenmedien hinter das Licht geführt". Er, Kindermann, wende sich gegen die Anschnallpflicht. Es sei "allerhöchste Zeit, daß die kraftfahrende Bevölkerung endlich die Wahrheit über das Für und Wider des Gurtes erfahre. "In der Bundesrepublik ist die Todesstrafe abgeschafft; niemand spricht aber davon, daß die Anschnallpflicht sie hintenherum wieder einführt." Es sei "pure Demagogie", von den Prozentsätzen zu sprechen.

Mit solchem Wortschatz polemisiert der Richter Kindermann gegen Anschnallpflicht und Bußgeld, und er meint, wenn jemand im Straßenverkehr zu Tode komme, weil er angeschnallt gewesen sei, sei "die Anschnallpflicht nichts anderes als eine Verurteilung zum Tode". Fazit des Verkehrsrichters, öffentlich: "Ich werde mich niemals anschnallen."

Kindermann ist durch diesen Leserbrief als Verkehrsrichter ebenso berichtigt geworden, wie er als Ankläger des Deutschen Fußballbundes berühmt ist. Nur hat er dort noch nie solche Eigentore geschossen. Das Echo war denn auch deutlich. Fünf Polizeibeamte erinnerten den Richter an seine Gesetzesbindung. Die Deutsche Verkehrswacht rang die Hände: "Die Kindermann-Sprüche" machten "mit einem Schlag" den Erfolg jahrelanger Arbeit zunichte. Justizminister, Abgeordnete, Staatsanwälte rügten. Nur der Vorsitzende des Deutschen Richterbundes, Helmut Leonardy, glaubte, sich "inhaltlich hundertprozentig" dem Unfug Kindermanns anschließen zu müssen.

Da schrieb der Stuttgarter Verkehrsrichter einen zweiten Leserbrief. Er zeigte sich uneinsichtig. Er sagte nicht, daß er seit 1967 Verkehrsrichter ist, sondern: "Ich bin fast ein halbes Menschenleben lang Verkehrsstrafrichter." Die Anschnallpflicht sei für ihn zu einer Gewissensfrage geworden, und man sei ihm Antwort auf die Frage schuldig geblieben, wer das Recht habe, jemanden zum Anschnallen zu verpflichten, obwohl das zum Tod führen könne.

Nun, dieses Recht hat der Staat. Wer nur die Fälle betont, in denen Menschen wegen des angelegten Gurtes zu Schaden kommen, handelt intellektuell unredlich. Die durchgehende Gurtbenutzung würde jährlich in der Bundesrepublik 2000 Menschen das Leben retten und 70 000 vor Verletzungen bewahren. Der Gurt setzt das Risiko schwerer Verletzungen auf knapp fünfzig, das Todesrisiko auf 18 Prozent herab. Demgegenüber verlaufen nur zwei Tausendstel der Unfälle wegen des Gurtes schädlicher. Der Zahl von 2000 Todesvermeidungen stünden also etwa vier Menschen jährlich gegenüber, die wegen des Gurtes im Verkehr sterben.

Diese Relation ist es, die Kindermann verkennt. Er sieht nicht ein, daß etwa Impfschäden kein Argument gegen die allgemeine Impfpflicht sind, daß der Polizei nicht deswegen der Schußwaffengebrauch verboten wird, weil sie auch schon Schuldlose getroffen hat. Der Grundsatz der "Aufopferung" ist unter Juristen schon lange kein Denkproblem mehr, nur Herr Kindermann hat es nicht geschnallt.

Jene Schein-Liberalen, die heute noch eine Abwägung "Freiheit gegen das Leben und Gesundheit" im Straßenverkehr zugunsten ihres Liberalitätsbegriffes zu beenden wagen, sollten sich klarmachen, daß in unserer Gesellschaft der einzelne die Folgen seiner mißverstandenen Freiheit nur zum kleinen Teil selbst trägt: Anders als im Formel-1-Rennen, wo es um Geld und Nervenkitzel geht, bezahlen die soziale öffentliche Hand, die Versicherungsgemeinschaften und die Unfallorganisationen die Schäden mit. Das kann einer uneinsichtigen Minderheit, die die Risikowahrscheinlichkeiten nicht wahrhaben will, keineswegs freigestellt werden, auch nicht Richter Kindermann.