General Jaruzelski fuhr auf die Krim, um dem sowjetischen Parteichef Breschnjew die Lage seines Landes zu erläutern. In Polen selbst gingen die Protestaktionen unvermindert weiter.

Jaruzelski gab sich offiziell optimistisch. Er versicherte Breschnjew, daß sich die Entwicklung dank der Notstandsmaßnahmen „stabilisiert“ habe; der Prozeß der „nationalen Wiedergeburt“ werde aber immer noch durch den „konterrevolutionären Untergrund“ erschwert. Der Vorsitzende des Militärrates dankte Moskau ausdrücklich für die bisher geleistete Hilfe. Breschnjew sicherte die weitere Unterstützung der Sowjetunion „im Rahmen ihrer Möglichkeiten“ zu.

Die Lage im Lande ist für Jaruzelski weniger erfreulich. Am 13. August – acht Monate nach Verhängung des Kriegsrechts – lieferten sich Polizei und Demonstranten in Danzig, Warschau, Krakau und Breslau heftige Straßenkämpfe. Die Kundgebungen waren spontan entstanden, denn die Solidarność hatte aus dem Untergrund erst den 16. August – den zweiten Jahrestag der Gründung des Streikkomitees in Danzig – zum Auftakt für die Protestaktionen erklärt.

In Danzig demonstrierten mehrere tausend Arbeiter aus der Lenin-Werft. In Warschau wurden 1500 Demonstranten von Wasserwerfern auseinandergetrieben. In Krakau zogen 2000 Stahlarbeiter aus Nova Huta durch die Straßen, viele Jugendliche schlossen sich ihnen an. Sie forderten in Sprechchören: „Walesa freilassen, Jaruzelski verhaften“ und „Wir wollen von der Sowjetunion scheiden“.

Die Polizei ging in massiven Einsätzen mit Tränengas und Holzknüppeln gegen die Demonstranten Vor. In Danzig bildeten Sicherheitskräfte eine lebende Mauer um das vielstöckige Gebäude der Parteiführung. Nach offiziellen Angaben gab es vier Verletzte, 200 Demonstranten wurden festgenommen. Zu Beginn der Woche riegelte die Polizei das Gebiet um die Danziger Lenin-Werft und um das Denkmal für die Opfer der Arbeiterunruhen von 1970 ab. Die massiven Einsätze und Vorkehrungen der Sicherheitskräfte sollten offensichtlich auch zur Abschreckung für die kommenden Tage und Wochen gelten.

Die Untergrundorganisation der Solidarnosc hat für die Zeit vom 16. bis zum 31. August Demonstrationen angekündigt. Am 31. August jährt sich zum zweiten Male das Abkommen von Danzig, durch das die unabhängige Gewerkschaft legalisiert wurde.

Die Kirche versucht immer noch, zwischen beiden Lagern zu vermitteln. Primas Glemp forderte, daß sich die Bauern wieder in Gewerkschaften zusammenschließen können. Zum Auftakt für die 600-Jahr-Feiern des als Nationalheiligtum verehrten Gnadenbildes rief Glemp vor mehr als 100 000 Gläubigen ein weiteres Mal zum Dialog auf. „Das Recht zum Zusammenschluß kann uns niemand aufdrängen oder zugestehen ... Es ist unser natürliches Recht“, rief der Primas unter dem Beifall der Pilger. „Vielleicht können wir bei den Bauern anfangen, um den ersehnten Dialog zwischen der Führung und der Bevölkerung einzuleiten“, sagte Glemp.