Wenn alle Lichter in Polen erloschen, blieb immer die Heilige von Tschenstochau ...“, notierte Hitlers Generalgouverneur Frank am 2. März 1940 in sein Tagebuch. Das Bild der Schwarzen Madonna leuchtet mehr denn je in diesen Tagen, denn am 26. August ist der 600. Jahrestag der Ankunft auf dem „Hellen Berg“, der Jasna Góra in Czestochowa. Geschichte und Legende verweben sich hier zu einer Realität, die das Klischee naiver Volksfrömmigkeit immer mehr sprengt.

So haben sich auch jetzt, im Polen des Kriegsrechts, von Warschau aus viele Pilger zu Fuß auf den 243 Kilometer langen Weg gemacht. Vier Millionen Besucher zählte man 1981 in dem Marienheiligtum. Bigotte Bauern, alte Leute? Schon 1970 stellten Soziologen fest, 76 Prozent der Pilger sind unter 45 Jahre alt, 68 Prozent kommen aus Städten und 51 Prozent haben höhere Schulbildung.

„In Czestochowa schlägt das unsterbliche Herz der Polen“, schrieb Henryk Sienkiewicz. Sein Roman „Sturmflut“ (1886) verklärte poetisch die Historie: Aus der Verteidigung von Kloster und Gnadenbild gegen Söldnerhorden des Schwedenkönigs, die abseits der Heerstraße plünderten, wurde so die wunderbare Rettung des ganzen Landes. Damals proklamierte König Jan Kazimierz die Jungfrau von Tschenstochau feierlich zur „Königin Polens“. Ihr schrieb König Jan Sobieski dann auch den Sieg zu, als er 1683 Wien von den Türken befreien half.

Das Bild, mit Temperafarben in byzantinischem Stil auf Lindenholz gemalt, ist freilich der Herkunft nach eine – russische Ikone. Der Piastenfürst von Oppeln schenkte sie Pauliner-Eremiten aus Ungarn, die 1382 in Czestochowa ein Kloster gründeten. Es hat Brände und Überfälle überstanden und mit ihm die Madonna, deren Blick, nach innen gerichtet, über die Leiden der Nation hinwegtrösten soll.

„Hier lösen sich die Schwierigkeiten, hier auf dem Hellen Berg des Sieges“, so predigte einst Kardinal Wyszynski. Und der polnische Papst hält es für seine „Pflicht des Herzens, die Pflicht des Sohnes gegenüber der Mutter“, im Jubiläumsjahr 1983 zu ihr zu pilgern. Auch unter Kriegsrecht? „Es müssen entsprechende Voraussetzungen geschaffen werden“, sagt er. Spätestens bis August 1983 müssen dafür die Militärs sorgen – und die Madonna selbst.

Die historischen Messerstich-Spuren auf ihren Wangen wirken freilich wie Tränen, die nicht trocknen.

Hansjakob Stehle