Von Jes Rau

Mittlerweile sind es elf Millionen, die in den USA keinen Job haben. Sie alle haben von der „helleren Zukunft für jeden Arbeitenden“, wie sie Ronald Reagan vor einem Jahr beschwor, offensichtlich die Schattenseite erwischt. Ständige Entlassungen vor allem in der Industrie sowie die hohe Zahl der Berufsanfänger haben die Arbeitslosigkeit im Laufe der vergangenen zwölf Monate von 7,2 auf nunmehr 9,8 Prozent steigen lassen. So hoch war diese Quote noch nie in der gesamten Nachkriegszeit.

Die augenblickliche Misere droht zudem zu einer Dauererscheinung zu werden. Terry Jasinowsky vom Industrieverband National Association of Manufacturers erwartet, daß die Arbeitslosigkeit demnächst die Zehn-Prozent-Marke überschreiten wird und dann über geraume Zeit auf neun Prozent und mehr verharren wird. „Im Gegensatz zu früheren Rezessionen werden viele Fabrikarbeiter und Metallarbeiter ihre alten Jobs nie wieder bekommen, noch werden ihre Kinder und jüngeren Geschwister in diesen einst prosperierenden Branchen einen Job finden“, sagt M. Harvey Brenner, Professor an der Johns-Hopkins-Universität von Baltimore.

Das sind trübe Aussichten vor allem für diejenigen, die aus verschiedensten Gründen – wie Alter, familiäre und lokale Bindungen sowie fehlende Ausbildungsmöglichkeiten – nicht die Flexibilität für einen Berufswechsel haben. Doch überraschenderweise nimmt die amerikanische Bevölkerung die ganze Malaise hin mit einer Mischung aus Gelassenheit und Resignation. Der „heiße Sommer“, der von manchen vorhergesagt wurde, findet nicht statt, weder in Detroit noch anderswo.

Mochte man die Rezession von 1974/75 noch als „Katharsis“ ansehen, die die Volkswirtschaft von Inflationserwartungen, mangelnder Kostenkontrolle und laxer Wettbewerbsbereitschaft reinigte, so ist die gegenwärtige Flaute hingegen statt einer Reinigungskrise eher ein ständiger Aderlaß, der zahlreiche Branchen der US-Wirtschaft so schwächt, daß ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit noch zusätzlich gelitten hat. Verluste oder reduzierte Gewinne und die hohen Zinsen machen es zahlreichen Firmen unmöglich, Investitionen vorzunehmen sowie Forschungs- und Entwicklungsprojekte zu finanzieren.

Genau das hoffte Ronald Reagan mit seiner Wirtschaftspolitik zu vermeiden. Und seinem Pressesprecher Larry Speaks zufolge hat der US-Präsident die Hoffnung auch noch keineswegs aufgegeben, daß die von ihm verabreichte Rezeptur – eine Mischung aus Steuersenkung und monetaristischer Geldpolitik – bald anschlagen wird. Tatsächlich glauben eine Reihe renommierter Konjunkturforscher einige Spuren entdeckt zu haben, die Anlaß für vorsichtigen Optimismus geben. In erster Linie verbinden sich solche Hoffnungen mit dem Rückgang der kurzfristigen Zinsen in den vergangenen Wochen, die für erstklassige Unternehmen jetzt bei 14,5 Prozent liegen.

Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, daß die Zinsen für langfristige Kredite gegenüber dem Vorjahr längst nicht so stark heruntergegangen sind wie die Zinsen für kurzfristige Kredite. Und sobald die amerikanische Wirtschaft wieder etwas auf Touren kommt, ist ein sprunghafter Anstieg der Kreditnachfrage zu erwarten. Da Washington zur Zeit pumpen muß wie noch nie, um die Haushaltsdefizite zu finanzieren, wird Notenbankchef Paul Völcker bald bremsen müssen, um die Geldmenge nicht außer Rand und Band geraten zu lassen.