Eine bange Frage geht um in den Lehrerzimmern bundesdeutscher Schulen: Stirbt die pädagogische Freiheit? Viele Lehrer befürchten, daß ihre bisherige Selbständigkeit, den Unterricht nach anerkannten Grundsätzen wissenschaftlicher Pädagogik und Psychologie, nach den Maximen von Lehrplänen und Rahmenrichtlinien, im übrigen aber nach eigenen Vorstellungen halten zu können, jetzt ein Opfer von Rechtsprechung und Behörden-Einfluß wird.

„So darf es nicht weitergehen!“ Unter diesem Titel haben jüngst 700 hessische Schulleiter eine spektakuläre Dokumentation über die Reglementierungsflut herausgebracht. Und der Jurist und Bildungsforscher Hans Heckel sprach von den „obrigkeitlichen, dirigistischen Neigungen der Schulaufsichtsbehörden“: Der „autoritäre Stil in der Verwaltung hat wieder Terrain gewonnen, das macht sich in der Schulverwaltung besonders be-Der Pädagoge Klaus Westphalen sah sogar den „drohenden Erstickungstod der pädagogisehen Freiheit“ voraus, der Hochschullehrer Horst Rumpf den „zermürbenden Terror der Schulaufsicht“.

Andreas Flitner, der renommierte Tübinger Erziehungswissenschaftler, konstatierte: „Schulfragen werden immer öfter vor Gericht getragen ... Die verwaltete, verrechtlichte, prozeßfeste Schule wird zur konventionellen, langweiligen, pädagogisch überholten Lehranstalt.“ Und der Schulrechts-Experte Ingo Richter stellte fest: „Die ‚pädagogische Freiheit des Lehrers’ und die ‚Selbstverwaltung der Schule‘ haben in handfesten Rechten ... bisher kaum Ausdruck gefunden.“

Freilich: Die Freiheit der Pädagogen wird durchaus nicht nur als bedroht beschrieben. Andere kompetente Fachleute kommen zu der „Feststellung, daß die Freiheit des Lehrers als Wesensmerkmal seines Berufsstandes erheblich an Bedeutung gewonnen hat“ – so der Schulrechts-Experte Lutz Dietze.

Immerhin: In kaum einem Bundesland muß sich der Lehrer rechtlich gefallen lassen, auf bloße Anweisung zu handeln. Diese Dimension seiner pädagogischen Freiheit kann nicht gering eingeschätzt werden.

Der Osnabrücker Oberstadtdirektor Raimund Wimmer hat darauf hingewiesen, daß das Bundesverfassungsgericht „unmißverständlich und mit bindender Wirkung“ festgestellt habe, „Gesetzgebung und Verwaltungsvorschriften müßten so beschaffen sein, daß sie der pädagogischen Freiheit genügend Raum lassen“. Wimmer war maßgeblich beteiligt an dem „Musterentwurf eines Landesschulgesetzes“ des Deutschen Juristentages, in dem Erlasse, Verordnungen und Richtlinien auf wenige Grundzüge reduziert wurden, um dem einzelnen Lehrer mehr Handlungsfreiheit und einen größeren pädagogischen Spielraum zu geben.

Schließlich fühlt sich ja auch nicht jeder Lehrer gegängelt. So berichtet Walter Kempowski, (beurlaubter) Lehrer im niedersächsischen Natrum; „Was meine pädagogische Überzeugung angeht, so kann ich sie durchführen, ohne mich von jemandem bedrängen zu lassen. Mich zwingt niemand zu irgend etwas, nur Konferenzen muß ich ab und zu mitmachen. Sonst bin ich in der Schule so frei wie ein Vogel. Ich habe immer gemacht, was ich wollte. Wichtig ist, daß die Schulbehörde weiß, daß es einem ernst ist. Die haben ganz schnell heraus, ob man sich für die Kinder einsetzt mit einer Pädagogik, die das Kind meint, oder ob man eher wie ein Besessener seine eigenen Ziele verfolgt.“