Von Rüdiger Siebert

Regenwind peitscht den Guadalquivir. Grau und näß liegt das sandige Ufer vor uns. Die Fischerboote sind an Land gezogen. Wo der Strom, von Córdoba und Sevilla kommend, in den Atlantik fließt, macht die spanische Küste, in Prospekten gern als die des Lichtes gepriesen, an jenem Tage ihrem Namen keine Ehre. Doch bedrohliche Atmosphäre und düsteres Strandszenario bieten vor der Stadt Sanlúcar de Barrameda die phantasieanregende Stimmung, die zur historischen Rückblende paßt. Hier hatte sich der Kreis der ersten Weltumsegelung geschlossen.

Am 6. September 1522 war das. Ein von Würmern zerfressenes und von den Stürmen aller Weltmeere gebeuteltes Segelschiff namens „Victoria“ trieb in die Mündung. 18 mehr tote als lebendige Seeleute wankten ans spanische Ufer, das letzte Häuflein jener 265 Männer, die fast auf den Tag genau drei Jahre zuvor von eben dieser Stelle aus mit fünf Schiffen zu einer Reise aufgebrochen waren, die nie zuvor ein Mensch unternommen hatte. Ein gewisser Ferdinand Magellan führte das Kommando. Längst war er tot, erschlagen am Strand von Mactan, einer kleinen philippinischen Insel auf der anderen Seite der Erdkugel. Kapitän Delcano vollendete das Werk der ersten Weltreise. Sofort nach der Ankunft an jenem 6. September in Sanlúcar berichtete er Kaiser Karl V. in einem langen Brief von der Tour und Tortur und von seinen Männern, die „so erschöpft sind, wie nur je Menschen sein können“.

Der Ort beeindruckt noch heute. Ein weites, flaches Delta, gesäumt von Sanddünen, deren abschüssige Höhen die Blicke freigeben über den breiten Guadalquivir und die Ferne des Atlantik. Perspektiven des Aufbruchs. Magellan hatte einen prominenten Vorgänger, der ebenfalls von hier aus auf Entdeckungsreise gezogen war: Kolumbus. Bei Sanlúcar begann er am 30. Mai 1498 seine dritte Amerikafahrt.

Bizarre Schiffsskelette am Strand ragen als Sinnbilder maritimer Schrecken in den regenverhangenen Himmel. Wind und Wellen haben Spanten und Planken abgenagt wie die Knochen eines riesigen Walfisches.

Der Schiffsbau hat Tradition und wird auch in der Gegenwart an diesen geschichtsträchtigen Gestaden betrieben. Wir stapfen durch den Sand. Hölzerne Bootskörper in allen Stadien des Werdens stehen da aufgebockt. Trotz Regen arbeiten die Zimmerleute. Ihr Hämmern und Hobeln kündet von solidem Handwerk. Hier werden Fischerboote gebaut, Nutzfahrzeuge, dickbäuchig und stabil. Wir klettern auf einem herum und vergleichen mit den historischen Skizzen Magellanscher Schiffe. Viel größer als diese modernen Kutter waren sie nicht. Ein verdammt enges Zuhause für Jahre.

Daß sich an diesem Küstenstrich epochale Entdeckungsgeschichte lokalisieren läßt, scheint die Menschen von Sanlúcar nie sonderlich beeindruckt zu haben. Ein paar Straßennamen erinnern an große Seefahrer. Kolumbus ist immerhin im Zentrum zu finden. Nach Magellan suchten wir lange. Eine der neuen Straßen ist nach ihm benannt, draußen in Flußnähe, wo ein Villen-Viertel wächst. Keine Denkmäler, keine Tafeln, keine Inschriften. Der Kolumbus-Kult wird an vielen anderen Orten Spaniens gepflegt. Aber Magellan, der Portugiese in spanischen Diensten, der Fremde, der im Gegensatz zu seinem Kollegen Kolumbus nicht mehr dazu kam, daheim den eigenen Ruhm zu mehren, ist halbwegs vergessen.