Ernst Weiß: "Gesammelte Werke" – Zum 100. Geburtstag des in Emigration und Tod getriebenen Arztes und Dichters

Von Fritz J. Raddatz

Immer aufs neue fassungslos steht man vor dem Phänomen, wie die zwölf kurzen Jahre des Nationalsozialismus mit Prankenhieben Löcher geschlagen haben in unsere literarische Tradition: Die Kenntnis von Autoren, Büchern, Zusammenhängen ist zerfetzt; Schriftsteller und ihr Werk, zu deren Lebzeit bekannt, gar beliebt, existieren als Gerücht – mal als freundliches, mal als abschätzies. Nur als lebendiges Zeugnis einer Epoche, als Teil unseres kulturellen Bewußtseins, existieren sie nicht. So ein Fall ist Ernst Weiß – aus dem Dunkel der Vergessenheit gehoben durch den verlegerischen Elan des Hauses Suhrkamp

Ernst Weiß: "Gesammelte Werke in 16 Bänden", herausgegeben von Peter Engel und Volker Michels; Suhrkamp Verlag Frankfurt, 1982; 4300 S., Leinen in Kassette 480,– DM, Taschenbuch-Ausgabe in Kassette 148,– DM.

Der Mann

Ernst Weiß wurde 1882 in Brünn als Sohn eines wohlhabenden jüdischen Tuchhändlers geboren, zeitlebens stolz auf das Goethe-Datum 28. August; der frühe Tod des Vaters (1886) findet sich als tiefe Einwirkung, spiegelverkehrt, in einer fast pathologischen Sohnesliebe der meisten Helden und Heldinnen der späteren Romane. Wie Benn, Brecht oder Döblin, Friedrich Wolf, Louis Aragon oder L. F. Céline begann Weiß als Mediziner, unter anderem war er Chirurgie-Assistent bei Arthur Schnitzlers Onkel Julius in Wien, später Schiffsarzt und im Kriege Regiments-Chirurg. Als einer der vielen biographischen Fehlangaben enthüllt Peter Engel in seinem Materialienbuch –

"Ernst Weiß", herausgegeben von Peter Engel; st 2020, Suhrkamp Verlag Frankfurt, 1982; 357 S., 16,– DM,