Ein Boulevard-Blatt hat die Zahl in die Welt gesetzt, um seine Leser zum Staunen zu bringen: elf Millionen Mark. Soviel nämlich soll der Frankfurter Rechtsanwalt Wilhelm A. Schaaf kassieren, der in der vergangenen Woche vom Amtsgericht als vorläufiger Vergleichsverwalter für den zahlungsunfähigen ElektrokonzernAEG-Telefunken bestelltwurde.

Tatsache ist: Keiner, auch Schaaf selbst nicht, kann derzeit wissen, ob sich seine neue Aufgabe als der vermutete Traumjob mit Star-Gage herausstellt. Wenn es allerdings gut läuft für Schaaf, kann er noch viel mehr als elf Millionen Mark aus dem Zusammenbruch des Elektroriesen für sich herausholen. Zwanzig, ja sogar dreißig Millionen Mark Honorar sind dann durchaus drin.

Erste – und schwierigste – Hürde für Schaaf dürfte sein, überhaupt einen Vergleich mit den AEG-Gläubigern zustande zu bringen. Denn bisher gibt es nicht mehr als einen Antrag des AEG-Chefs Heinz Dürr an das Gericht, den Vergleich zu eröffnen. Der geht aber nur dann durch, wenn Schaaf mit detaillierten Unterlagen nachweisen kann, daß das Vermögen der AEG-Aktiengesellschaft noch groß genug ist, um auf jede Gläubigermark wenigstens vierzig Pfennig zu zahlen.

Das wird Monate dauern. Heinz Dürr hat nämlich noch nicht einmal die aktuelle Vermögensübersicht für die fallierte Konzernmuttergesellschaft abgeliefert, die das Gesetz verlangt – und die Schaaf für seine Recherchen unbedingt braucht. Denn Schaaf muß herausfinden, was am 9. August – als Dürr das Handtuch warf – von den Grundstücken, Maschinen, Beteiligungen, Vorräten und Forderungen der Gesellschaft nicht mit Hypotheken belastet, sicherungsübereignet oder unter Eigentumsvorbehalt geliefert ist.

Das Ergebnis dieser Fleißarbeit, bei der Tausende von Positionen geprüft und aktuell neu bewertet werden müssen, nennt das Gesetz „Aktivvermögen“. Das ist zugleich die Schlüsselgröße für das AEG-Schicksal und für Schaafs Verdienst. Erfolg wird dabei honoriert: Je höher nämlich das Aktivvermögen und damit die Chance des Unternehmens, zu überleben, desto mehr verdient Schaaf.

Ein viertel Prozent vom Aktivvermögen, so bestimmt es die Vergütungs-Verordnung von 1960 als Regelfall, hat der Vergleichsverwalter zu beanspruchen. Die Inflation seither hat freilich auch diesen Satz kräftig in die Höhe schnellen lassen: Zuschläge von 200 bis 300 Prozent sind deshalb heute in der Praxis üblich – und zwar schon bei Vergleichen mit normalem Schwierigkeitsgrad. Im AEG-Fall, der größten und mutmaßlich schwierigsten Insolvenz der deutschen Nachkriegsgeschichte, muß das Gericht deshalb auch besondere Maßstäbe für das Verwalter-Honorar anlegen. Mit ein bis eineinhalb Prozent kann Schaaf wohl rechnen – immer vorausgesetzt, er bringt den Vergleich durch.

An welcher Summe Schaaf im Erfolgsfall mit diesem Prozentsatz beteiligt ist, das weiß er selbst erst in einigen Monaten. Fest steht nur: Jede Milliarde Aktivvermögen des Vergleichskandidaten AEG bedeutet zehn bis fünfzehn Millionen Honorar.