Von Erich Kuby

Als am Abend des 25. Juli 1943 über den Rundfunk die Nachricht verbreitet wird, Mussolini sei abgesetzt, Badoglio neuer Regierungschef, ist es, als bräche ein Vulkan aus: „Wie ein Funkenregen sprang die Neuigkeit von Straße zu Straße, verbreitete sich über alle sieben Hügel der Stadt. Viele taumelten auf die Straße, so, wie sie eben waren – im Nachthemd oder Pyjama, nur mit Pantoffeln an den Füßen. Hektisch, fast hysterisch umarmten sie einander und lachten und weinten. Dies war die Nacht, in der alles erlaubt war, was man sich zwanzig Jahre nie getraut hatte zu tun. Büsten und Bilder Mussolinis werden aus den Fenstern der Ministerien geworfen, mit Stricken hinter Autos hergeschleppt, umtanzt von einer schreienden, singenden Menge. In einer Metallfabrik schieben die Arbeiter einen Bronzekopf des Gestürzten in eine hydraulische Presse, platt wie ein Pfannkuchen kommt er wieder heraus.“

Ein Volk in seiner Existenzkrise, ein Volk, das hungert, ein Volk, das im Krieg steht gegen einen übermächtigen Feind, der bereits den Süden des Landes unmittelbar bedroht, feiert das Ende der Diktatur, den Sturz des so lange vergötterten Diktators, feiert die Freiheit, feiert sich selbst, lachend, während vom Norden her bereits die Divisionen und Panzer des Verbündeten zur Sicherung seiner Herrschaft eindringen.

Im Führerhauptquartier wird nicht erkannt, daß das ganze faschistische Regime verschwunden ist. Nur in einem Punkt urteilen – Hitler und seine Umgebung realistisch: Sie glauben nicht daran, daß Italien weiter an ihrer Seite kämpfen werde. Den ganzen August 1943 über vergeht im Führerhauptquartier kein Tag, an dem nicht besprochen würde, wie dem „Verrat“ zu begegnen sei, was bei Anwendung einer Spur von Logik verboten hätte, den Begriff von Verrat weiter zu benützen.

Je deutlicher sich vor Hitler entrollt, was in Rom geschehen ist, desto mehr steigert er sich in seine Wut hinein, desto verbissener sinnt er auf Rache.

„Man wußte auf deutscher Seite seit langem, daß Italien am Ende der Kräfte und Möglichkeiten war. Eine realistische Überprüfung der Lage hätte in Deutschland zu der Einsicht führen können, daß es richtiger gewesen wäre, gemeinsam, mit Mussolini oder Badoglio, den Krieg zu beenden (so der Kommentar im Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht).

Am 8. September 1943, 19.45 Uhr, hören die Italiener über alle Sender, was sie schon im Juli zu hören gehofft hatten: „Da die italienische Regierung erkannt hat, daß der ungleiche Kampf gegen die überlegene Feindesmacht unmöglich fortgeführt werden kann, und da sie bestrebt ist, der Nation weiteres und noch schwereres Unglück zu ersparen, ist General Eisenhower um Waffenstillstand ersucht worden. Der Bitte ist entsprochen worden.“

Was werden die Deutschen tun? – fragt sich Italien.

Noch am Abend des 8. September beginnen im Bereich der Heeresgruppe B (Feldmarschall Rommel) die Güterzüge mit den gefangenen und entwaffneten Italienern quer durch Europa über die Alpen zu rollen. Sie kommen aus dem italienischen Mutterland, aus Südfrankreich, aus Jugoslawien, aus Griechenland. Soweit sie über den Brenner ins Reich geleitet werden, können die Insassen durch die Luftklappen der Waggons ihre Alpinikameraden beobachten, wie sie in langen Kolonnen mit ihren Mulis nach Norden marschieren, von deutschen Landwehrsoldaten vorgerückten Alters bewacht. Auch dieser Elite des italienischen Heers ist politisch das Kreuz gebrochen, führungslos und verwirrt, wie sie ist. Bei der Entwaffnung haben ihnen die Deutschen gesagt, daß für sie der Krieg zu Ende sei – eine zweifellos freudige Botschaft. Aber warum werden sie als Gefangene behandelt, sie haben den Deutschen doch nichts getan? Noch vor den Märschen aus ihren Einsatzorten zur Brennerstraße oder zu Verladebahnhöfen sind sie von ihren Vorgesetzten getrennt worden: „Arrangiatevi!“ (Seht zu, wie ihr klarkommt!) war das letzte, was sie von ihnen gehört haben. Die Zugtransporte sind fünf bis sechs Tage unterwegs. Verpflegung gibt es nicht, auch liegt kein Stroh in den Waggons, es fehlt an Platz, damit sich alle ausstrecken können. Am zweiten Tag gleichen die Züge Kloaken.

Ankunft irgendwo – wo? Das ist nicht Deutschland. Was sprechen diese verhungerten, verängstigten Zivilisten? Polnisch? Wieso sind wir in Polen? Soll es noch einmal gegen Rußland gehen? fragen sich die Soldaten, Raus, raus ..., antreten, abzählen, antreten, abzählen, marschieren, fünf, zehn oder auch fünfzig Kilometer, ein Tor im dreifachen Stacheldrahtzaun, Wachtürme mit Maschinengewehren, im Scheinwerferlicht bei nächtlicher Ankunft – sie findet immer nachts statt! die Baracken, der Ansturm auf die Holzpritschen, je eine für drei Mann. Das ist der Anfang nach dem Ende für ein paar hunderttausend Soldaten. Bei der Entwaffnung wurde ihnen gesagt, daß sie nach Hause gebracht würden.

Auf dem Balkan, wo die Italiener sich auf fremdem Boden befinden und deshalb von der Vorstellung unbelastet sind, ihr Widerstand könnte die Wohnstätten ihrer Landsleute zerstören, vollziehen sich Entwaffnung und Gefangennahme weniger glatt als im Mutterland. Auf Rhodos, Leros, Kreta, Kephalonia, Korfu und auf einigen kleineren griechischen. Inseln sind Anfang September 1943 80 000 italienische Soldaten stationiert. Sie werden zum Teil in örtlichen Gefechten überwältigt, gefangengesetzt oder erschossen. Am 23. September 1943 wird die Besatzung von Kephalonia „vernichtet: 4000 Mann, die mit der Waffe in der Hand gefangengenommen worden sind, werden erschössen. 5000 Mann, die gerade noch übergelaufen waren, von Hitler ‚begnadigt“.

Da die Gefangenen bei ihrer Einlieferung in die Lager nicht registriert worden sind, läßt sich nur annähernd schätzen, was mit diesen 80 000 Soldaten geschehen ist. Sicher ist nur, daß die Hälfte irgendwann während des Kriegs oder unmittelbar danach wieder nach Hause zurückgekehrt ist. Von der anderen Hälfte, also 40 000 Mann, dürften über 20 000 in den kurzen Kampfhandlungen vor und durch Exekutionen während der Gefangenschaft in ganz Griechenland umgekommen sein. So bleiben 20 000, von denen jede Spur fehlt, wenn auch nicht jeder Hinweis darauf, wo sie geblieben sind – nämlich auf dem Meeresgrund.

Es liegen Angaben darüber vor, wieviel Mann an Bord der einzelnen Schiffe gebracht worden sind, um eine Reise anzutreten, die in deutschen Lagern enden sollte, dort aber nicht geendet hat: Auf der „Donizetti“ befanden sich 1800, auf der „Orion“ über 4000, auf der „Sinfra“ 5000 und auf der „Petrella“, die erst am 8. Februar 1944 ausläuft, 6500. Von diesen rund 17 000 Soldaten, auf den Schiffen unter Deck zusammengepfercht, haben nur wenige überlebt.

Handgranaten auf Schiffbrüchige

Warum so wenige, zeigen die Vorgänge beim Untergang der „Petrella“: „In den frühen Morgenstunden des 8. Februar 1944 lichtete die ,Petrella‘ mit 6500 italienischen Gefangenen an Bord in Suda den Anker und nahm Kurs auf Piräus. Nach etwa zwei Stunden Fahrt wurde das Schiff zwischen 8 und 8.30 Uhr von einer heftigen Explosion erschüttert. In der Mitte brach ein Teil der Bordwand auf, ohne daß das Schiff versank. Panik ergriff die Gefangenen. Sie bemühten sich, das Oberdeck zu erklimmen in der Hoffnung auf Rettung. Den Soldaten, die auf Leitern heraufkletterten und sich an den Kanten der Ladeluken festklammern wollten, wurden mit harten Schlägen die Finger gebrochen. Weil aber allein dadurch nicht verhindert werden konnte, daß die Gefangenen doch das Deck erreichten, warfen die Schiffs-Offiziere Handgranaten in die Laderäume, in der sich noch Tausende von Soldaten befanden. Die Vernichtungskampagne dauerte so lange, Schnellboote, die die ,Petrella‘ begleitet das gesamte deutsche Personal in Sicher gebracht hatten. Erst danach konnten die Überlebenden an Deck klettern und ins Wasser springen, doch dort wurden sie von den hin und her flitzenden Motorbooten aus mit Maschinenihren beschossen.“

Als die „Petrella“ dieses Ende findet, liegt die Kapitulation auf den Tag genau fünf Monate zurück; mit einem spontanen Wutausbruch angesichts des „Verrats“ läßt sich das Verhalten der deutschen Be-Schiffsmannschaft ebenso wenig erklären, wie es auf einen ausdrücklichen Befehl Hitlers zurückzuführen ist. Es sind einzelne, ganz gewöhnliche Deutsche in unteren Positionen, nicht besonders ausgesucht nach verbrecherischen Instinkten, bar jeden persönlichen Motivs, die eingeschlossene italienische Soldaten mit Handgranaten auf einem sinkenden Schiff umbringen.

Was entfachte ab Herbst 1943 den unbändigen Haß auf die Italiener? Unterbewußte Rachsucht gegen ein Volk, von dem bereits zu erkennen war, daß es aus dem Krieg nicht derart beschmutzt und besudelt auftauchen würde wie die eigene Nation? Gegei^ ein Volk, das nicht gewillt war, den verbrecherischen Krieg länger mitzumachen, und deshalb als „Verräter“ Beschimpft wurde, ganz so wie die Mafia denjenigen „Verräter“ nennt, verfolgt und tötet, der aus dem kollektiven Verbrechen aussteigen will? Was wurde wirksam – Verachtung oder Neid?

Das Massaker in Hildesheim

1944 gibt es auf dem Reichsgebiet, im ehemaligen Polen und in anderen besetzten Ländern etwa 650 Vernichtungs-, Konzentrations- und Gefangenenlager. (Die zahlreichen Filialen der Stammlager sind nicht mitgezählt.) Nach den rassistischen Maßstäben ihrer Herren bilden deren Insassen eine negative Hierarchie, auf deren tiefster Stufe die Juden rangieren. Ihnen folgen unmittelbar die sowjetischen Kriegsgefangenen – insgesamt 5,3 Millionen, von denen nur eine Million das Kriegsende erlebt, nicht gezählt die Überläufer zur Wlassow-Armee. Im Turm des Elends und der Vernichtung wohnen die italienischen Soldaten dicht über den sowjetischen Gefangenen im dritten Stock. Erst in weitem Abstand folgen die Kriegsgefangenen der anderen Feindnationen unter Bedingungen, die sie wenigstens zu der Hoffnung berechtigen, die Heimat irgendwann wiederzusehen.

Auf Grund dieser Klassifizierung seitens der Herrenrasse entsteht in allen Lagern, in denen Angehörige mehrerer Nationen eingeschlossen sind, eine „Elendsskala“, an deren unterem Ende die Italiener vegetieren, wenn keine Juden oder Russen im Lager sind. Es wird ihnen jedoch die Bezeichnung „Militärinternierte“ angehängt. Damit wird ihnen der Status von Kriegsgefangenen aberkannt, die Schutzvorschriften der Genfer Konvention finden auf sie keine Anwendung.

Es war so, als existiere hinter ihnen kein Vaterland mehr; von den Deutschen wurden sie so behandelt, als gehörten sie de jure und de facto zur (neugegründeten, von den Deutschen kontrollierten neofaschistischen) Republica Sociale Italiana, was dazu führte, daß sie – als Verräter – jeglichem skrupellosen propagandistischen und materiellen Druck ausgesetzt waren.

Je hoffnungsloser die Kriegslage der Deutschen wird, desto schrecklicher entwickelt sich die Situation der Internierten.

Mit Ausnahme des Offizierslagers Shokken werden bis August 1944 alle im Osten befindlichen Lager geräumt. In kilometerlangen Marschkolonnen werden Hunderttausende nach Westen getrieben, was zu einer weiteren Überfüllung der zuvor schon überfüllten Lager im Reich führt. Je undurchsichtiger deren innere Struktur wird, weil die Massen nicht mehr geordnet werden können, um so mehr nimmt der Terror der Bewacher zu. Hinrichtungen gehören von Ende 1944 an zum normalen Tagesablauf.

Um der Gefahr eines allgemeinen Lageraufstandes der Italiener zu begegnen, veranstaltet die SS Massaker – beispielsweise in Treuenbrietzen bei Berlin, wo 150, in Döhren bei Hannover, wo 560 Italiener erschossen werden. In Treuenbrietzen müssen die ausgesuchten Opfer die Maschinengewehrmunition von der Lagerkommandantur zu dem Platz tragen, auf dem sie sofort umgelegt werden. Zwei werfen sich nieder, bevor die Salven die aufgestellten Reihen nidermähen – sie bleiben unter den Toten ligen und überleben! Zur Begründung der Massenmorde wird bei Lagerappellen verkündet, daß die zum Tode „Verurteilten“ Badoglianer seien.

Die Opfer eines Massakers in Hildesheim sind keine Badoglianer, sondern Käsediebe. Auf dem Bahnhof beschäftigt, dort von einem Bombenangriff überrascht, haben sie aus einem zerstörten Güterwagen, der Lebensmittel enthält, ein paar Schachteln Käse mitgenommen. 130 Italiener werden auf dem historischen Marktplatz der Stadt aufgehängt, die erste Gruppe am 27., die zweite am 28. März 1945.

Der allgemeine Aufbruch aus Shokken findet erst im Laufe des Januar 1945 in drei Gruppen statt. Aus einer der Rückzugskolonnen entfliehen 17 Generäle bei Selchow, der sechsten Etappe des Marsches. Sie verstecken sich in einer Scheune, werden am 28. Januar von der SS aufgespürt und vor die Wand eines Stallgebäudes gestellt. Die Erschießung beginnt. Als fünf tot sind, zu denen auch der ehemalige Oberbefehlshaber auf dem Peloponnes, General Trionfi, gehört, springt General Peyrolo, der Deutsch spricht, aus der Reihe und hält dem Führer des SS-Kommandos vor, es sei verrückt, was er da tue. Die Exekution wird abgebrochen. Für die Überlebenden beginnt ein über 450 Kilometer langer Wintermarsch über Stettin nach Neubrandenburg. Unterwegs wird der sechste General dieser Gruppe erschossen, drei andere erfrieren. Die Überlebenden erfahren von einem Befehl, wonach kein italienischer General lebend in die Hände der Russen fallen dürfe.

Als die Alliierten in Italien bis zur Po-Ebene vorrücken, der Krieg hinter der Front gegen Deutsche und Faschisten seinem Höhepunkt entgegengeht, verschwinden die Militärinternierten fast völlig aus dem öffentlichen Bewußtsein des italienischen Volkes, wie groß auch die Trauer über die Verschwundenen, von denen niemand weiß, ob sie überhaupt noch leben, innerhalb der eigenen vier Wände sein mag.

Weniger der „Verrat“ liegt als schwere Last auf der italienischen Geschichte, wie (der deutsche Botschafter) Rahn gemeint hat, sondern die 600 000 Militärinternierten. Sie bieten nicht das Bild, mit dem sich ein nationales Heldenlied illustrieren ließe. Das junge, das neue, das eigentlich gar nicht so neue Italien geht denn auch seit über dreißig Jahren um 600 000 seiner Söhne herum wie die Katze um denheißen Brei. Erst im Dezember 1977 nimmt das italienische Parlament einen Gesetzesvorschlag an, mit dem die Militärinternierten ehrenhalber als „Volontari della libertà“ anerkannt und damit den Resistenza-Kämpfern vor dem Gesetz gleichgestellt werden.

Die Foltervilla in der Via Tasso

In der Provinz Lazio, in der Rom liegt, werden in der Zeit der deutschen Besetzung der Hauptstadt 20 824 Widerstandskämpfer namentlich „erfaßt“, davon 1959 umgebracht. Es wird gefoltert, um Geständnisse zu erzwingt oder auch nur aus Rache für den „Verrat“.

Um den Fängen der SS zu entgehen, findet in Rom ein allnächtlicher Wohnungswechsel statt, ohne daß auch nur ein Koffer oder ein Stuhl von einem Haus ins andere getragen würde. Tausende – in der Mehrzahl ehemalige Offiziere – schlafen reihum bei Freunden und Bekannten. Die „morbo di Kesselring“ (nach dem deutschen Feldmarschall) bricht aus, die Kesselringsche Krankheit, ein vorgeschützter Zustand, mit dem sich Majore und Obersten in Militärhospitäler zurückziehen, unter falschem Namen falsche Kranke spielend. Ein besonders beliebtes Refugium für die Prominenz der Flüchtenden ist die Klinik „Principe di Piemonte“ des Malteserordens. Eine chemigraphisch hervorragend ausgestattete Werkstatt stellt Tausende oft lebensrettende falsche Ausweise jeglicher Art her.

In diesem römischen Milieu wird der Obersturmbannführer der SS und Polizeichef von Rom, Herbert Kappler, zu einer Person der Zeitgeschichte, durch seine in dieser Funktion begangenen Verbrechen wie durch die Rolle, in die er ohne sein Zutun in den Jahrzehnten nach dem Krieg geraten ist, als die Öffentlichkeit der Bundesrepublik Deutschland all die Teilnahme, all das Verständnis, ja, all das Mitleid ihm zuwendete, womit sie abgeurteilte Nationalsozialisten bedacht hat und im Fall Rudolf Heß’ bis heute bedenkt. Kappler gehörte bis zu seinem Tod dazu, weil ihn ein italienisches Gericht zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt hatte, aus dem er 1977 durch nicht ganz aufgedeckte Machenschaften unter Mithilfe ansehnlicher Organisationen befreit und in sein Vaterland geschmuggelt worden ist. Es hätte nicht viel gefehlt und sein Heimatort hätte für den heimgekehrten, so lange verlorenen Sohn geflaggt, während in Italien die Autos harmloser, an der Verschleppung Kapplers gänzlich unbeteiligter Touristen umgestürzt und angezündet wurden. Es war einer der seltenen Augenblicke, in dem die Erinnerung des italienischen Volkes an seine Leiden unter deutscher Herrschaft demonstrativen Ausdruck gefunden hat.

Zum Zweck der Unterbringung und Folterung seiner Gefangenen richtet Kappler in der Via Tasso sein Privatgefängnis ein. Darin wohnen die Untergebenen Kapplers. Er verfügt nicht über Gaskammern, entwickelt dafür in der Erfindung grausamer Schikanen bemerkenswertes Talent. So werden beispielsweise die blutdurchtränkten Hemden der Gefolterten ihren Angehörigen zum Waschen ausgehändigt. Die Bewohner der gegenüberliegenden Häuser dürfen die Haupteingänge nicht benutzen, müssen ihre Häuser von der Parallelstraße aus über die Hinterhöfe durch die Kellereingänge betreten. Die Fensterläden zur Via Tasso sind ständig geschlossen zu halten. Dennoch weiß ganz Rom, was sich dort abspielt, und noch leben genug Römer, die diesen Straßennamen nicht über die Lippen bringen.

Zehn Italiener für einen Deutschen

Am 22. Januar (1944), 2 Uhr früh, landen die Alliierten in der Bucht von Anzio und Nettuno und befinden sich damit hundert Kilometer hinter der deutschen Front. Rom, fünfzig Kilometer entfernt, ist unmittelbar bedroht.

Die Enttäuschung darüber, daß die Alliierten sich im Brückenkopf einigeln und die Stadt den Deutschen ausgeliefert bleibt, ist fürchterlich. Eine verhaltene, drohende, unheimliche Stimmung steigt von Tag zu Tag. Es ist zu fühlen, daß diese Spannung nach einer Entladung drängt, wenn die Amerikaner nicht doch bald kommen. Eine kommunistische Organisation faßt den Entschluß zu einer antiterroristischen Aktion – zum Attentat in der Via Rasella.

Auf Befehl der Militärjunta des kommunistischen Befreiungskomitees und in Verantwortung Giorgio Amendolas – der im neuen Italien eine führende Rolle in der PCI spielen und für einen Repräsentanten dessen gelten wird, was dann Eurokommunismus genannt worden ist – war die Aktion sorgsam vorbereitet worden und wird ausgeführt, als eine Kompanie älterer Südtiroler, die als polizeilicher Hilfsdienst der SS angegliedert ist, durch die Straße marschiert. Diese Männer, erst wenige Tage zuvor aus Bozen nach Rom verlegt, um dort den innerstädtischen Kontrolldienst zu verstärken, sind zufällige Opfer eines gegen die deutsche Herrschaft allgemein gerichteten blutigen Anschlags. 32 sind sofort tot, zehn verwundet, zwei weitere Tote sind zivile Passanten.

Die Toten bedecken die Straße, die Verwundeten kriechen schreiend durch die Blutlachen. Milizsoldaten schießen in offene Fenster, was (der faschistische Innenminister) Buffarini damit beendet, daß er sich in die Mitte der Via Vittorio Veneto stellt und die Miliz zur Ruhe mahnt. Polizei und deutsche Soldaten sperren die Via Rasella ab.

Die SS will das Attentat zu ihrem eigenen Ansehen in Rom noch weiter ausschlachten. Kuppler und (SS-General) Wolff planen, alle Witwen und Waisenkinder der Opfer aus Südtirol nach Rom zu holen und mit ihnen einen großen Demonstrationszug durch die ganze Stadt zu veranstalten. Kesselring verweigert seine Zustimmung. So bleibt es bei dem Befehl: Zehn Italiener für jeden deutschen Toten zu füsilieren Kappler erklärt, er habe insbesondere aus den Verhaftungsaktionen nach der Landung von Nettuno die erforderliche Anzahl bereits zum Tode verurteilter Häftlinge aus dem kommunistischen Untergrund in der Via Tasso auf Lager, außerdem im Gefängnis „Regina Coeli“ und in der Foltervilla seines Kollegen Koch.

Später wird die Behauptung, es habe sich bei den Erschossenen um bereits zum Tode verurteilte Häftlinge gehandelt, durch Identifizierung der Leichen weitgehend widerlegt; aber im Grunde ist es ohne Belang für den Hergang des Massenmords. Vor der Ankunft des Befehls, in dem das Verhältnis 1:10 festgelegt wird, stirbt noch einer der Verwundeten, woraus sich die Rechnung 33x10 = 330 ergibt. Statt dessen werden 335 an die Stätte ihrer Ermordung gebracht. Die Vollstreckung liegt in Kapplers Händen; er wäre nach dem Krieg zwar vor Gericht gestellt, nicht aber zu lebenslanger Haft verurteilt worden, dank jener subtilen Unterscheidung zwischen Mord und Tötung im Krieg, auf die sich alle Staaten geeinigt haben, um guten Gewissens Massenmord als Krieg betreiben zu können. Mit ein paar Jahren wäre der Chef der Via Tasso davongekommen, sich auf Befehlsnotstand berufend, hatten nicht fünf zuviel dran glauben müssen (keiner der für das Attentat in der Via Rasella Verantwortlichen befindet sich unter den 335).

Die Fosse Ardeatine, Höhlengänge in einem Steilhang aus Tuffstein, liegen etwa zwanzig Autominuten von Rom entfernt. Es ist immer noch Freitag, der 24. März. Gegen 15 Uhr erscheint an der Kreuzung der Via Ardeatine und der Via Sette Chiese ein Kommando deutscher Soldaten. Sie sperren das Gelände zu den Eingängen der Höhlen ab und verjagen die wenigen Zivilisten, die sich in dieser unbewohnten Gegend herumtreiben. Dann fahren fünf Pkw mit SS-Nummern auf; ihnen entsteigen SS-Offiziere und ein Kommando von SS-Männern, bewaffnet mit Karabinern, Maschinenpistolen, Handgranaten, einem Maschinengewehr und Sprengsätzen. Sie nehmen Aufstellung, um die Entladung von vier großen Lastwagen und einem geschlossenen Transporter zu überwachen, auf dessen Wänden das Rote Kreuz aufgemalt ist. In diesem befinden sich die unmittelbar aus den Folterkellern herausgeschleppten, blutüberströmten, nicht mehr gehfähigen Gefangenen.

Die Masse der Gefangenen wird in die höhlenartigen Gänge hineingetrieben und dort umgebracht. Kappler ist zur Hinrichtung mit hinausgefahren und erschießt eigenhändig zwei Italiener.

Die Höhlengänge bilden heute einen Teil des Nationaldenkmals, zu dem die Fosse Ardeatine geworden sind. Wenn man sie durchschreitet, ihren Biegungen folgt und sich vorstellt, daß darin über dreihundert Menschen in ein paar Stunden ermordet worden sind, hält man es für ausgeschlossen, daß sie nur mit Gewehren oder Maschinenpistolen getötet worden sind. So ist es auch nicht gesehenen. Über die Köpfe der zusammengedrängten Italiener werden Handgranaten geworden, die einige völlig zerreißen, andere durchlöchern. Wie viele wurden nur verwundet? Davon überzeugen sich die Mörder nicht. Sie hören mit der Vernichtungsaktion gegen 20 Uhr auf und zünden um diese Zeit die erste Sprengladung, um die Höhleneingänge zum Einsturz zu bringen.

Trotz aller Schwierigkeiten in der laufenden Produktion ist das besetzte Italien eine Art Bergwerk, aus dem (Rüstungsminister) Speers Generalbevollmächtigter Leyers alles herausholt, was sich auf Güterwagen verladen läßt. Über die ins Reich abgefahrenen Mengen, die nicht etwa in Tonnen, sondern der Einfachheit halber in Waggons angegeben werden, orientiert er seinen Minister in einem Erfolgsgbericht, der die Zeit vom 16. April bis 15. Mai (1944) umfaßt. „Abtransport rüstungswirtschaftlicher Güter: A. Nach dem Reich – Materialien, Rohstoffe, Halb- und Fertigfabrikate, sowie Betriebs- und Fertigungseinrichtungen 6056 Waggons mit 92 231 t.“

Diese Angaben werden ergänzt durch Zahlen, die den davor liegenden Zeitraum von der Kapitulation Mitte September 1943 bis Ende April 1944 erfassen: „Abtransportiert wurden zwischen 15. 9. 1943 und 30. 4. 1944 22 209 t in 3371 Waggons im Wert, von 2 645 055 440 Lire (Einzelposten im April z. B. 32 t Knöpfe, 156 t Möbel, 328 t Drogen und Heilkräuter, 586 t Besenbürsten und Reisstroh, 9 t Tabakpfeifen). Schwermetalle, ins Reich abtransportiert: 772 t Blei, 1203 t Kupfer, 85 t Quecksilber, 3 t Zink. Gesamtabtransporte und Quecksilber, aus dem Raum südlich des Apennin: 274 730 t Rohstoffe, 103 766 t Maschinen und Werksanlagen.“

Bis Oktober 1944 sind italienische Wirtschaftsgüter im Gewicht von insgesamt 1 150 000 Tonnen ins Reich abtransportiert.

Im sich ständig verkleinernden Italien nördlich der Front führt die Resistenza einen politischen und militärischen Kampf, der sich von allen vergleichbaren Widerstandsbewegungen – etwa Frankreichs oder Norwegens – grundsätzlich dadurch unterscheidet, daß er gegen zwei bewaffnete Feinde geführt werden muß: gegen die Deutschen und das von ihnen installierte faschistische Regime.

Der eigentliche Feind aber sind die Deutschen. Ihre Brutalität, mit der sie gegen die Partisanen wie gegen die ihnen Unterstützung gewährende unbewaffnete, passive Zivilbevölkerung vorgehen, der Perfektionismus, mit dem sie das Land, seine Menschenkraft und seine materiellen Ressourcen ausbeuten, halten das (nationale Befreiungskomitee) CLN-Mailand zusammen. Die Resistenza ist ein Volksaufstand, kein Klassenkampf – trotz klassenkämpferischer Tendenzen in einzelnen Gruppen. In den politischen und militärischen Gliederungen stehen und fallen Schulter an Schulter die Angehörigen aller Schichten und Berufe. Zwischen dem 9. September 1943 und dem Kriegsende finden 72 500 Widerstandskämpfer im Kampf den Tod, 40 000 werden verwundet.

Wenn die Deutschen von den Partisaneneinheiten im Krieg nie anders als von „den Banden“ gesprochen haben, so verwendeten sie das Wort selbstverständlich im Sinne eines kriminell handelnden Kollektivs.

Am 23. September 1943 reagiert der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe B, Rommel, mit einem Rundschreiben: „Irgendwelche sentimentalen Hemmungen des deutschen Soldaten gegenüber Badogliohörigen Banden in der Uniform des ehemaligen Waffenkameraden sind völlig unangebracht. Wer von diesen gegen den deutschen Soldaten kämpft, hat jedes Anrecht auf Schonung verloren und ist mit der Härte zu behandeln, die dem Gesindel gebührt, das plötzlich seine Waffen gegen seinen Freund wendet.

Diese Auffassung muß beschleunigt Allgemeingut aller deutschen Truppen werden. brechende Warnung ergeht an die Italiener über alle italienischen Sender.

Verbrannt in Kirchen und Ställen

Am 8. August 1944 hat das 16. Bataillon der 16; SS-Panzergrenadiere unter dem achtundzwanzigjährigen Major Walter; Reder auf seinem Rückzug das Arnotal erreicht und wird an diesem Tag aus dem Fronteinsatz herausgenommen, um gegen die Partisanen hinter der Front Verwendung zu finden. Ihr Kampf gegen Partisanen, die in größeren Gruppen nach einem umfassenden Plan geführt werden, zeitigt eher bescheidene Erfolge. Weitaus erfolgreicher sind sie bei der Ausrottung der Zivilbevölkerung.

Am 12. August 1944 ermorden sie bei S. Anna di Stazzema 560 Dorfbewohner, (alle Familien, einschließlich der Kinder); am 19. August fallen dem Gemetzel von Bardine S. Terenzo und Valla di Ficizzano 160 Dorfbewohner zum Opfer. Bei dieser Aktion erfinden einige der SS-Kämpfer gegen Frauen und Kinder eine neuartige Version der Tötung: Der eine wirft das Baby in die Luft, der andere erschießt es sozusagen im Flug. Diese im August vollbrachten Leistungen qualifizieren das Bataillon Reder für den Einsatz auf jener Hochebene, auf der Marzabotto nebst anderen Dörfern liegt.

Die Bevölkerung dieser Gegend hatte stets ein laues Verhältnis zum faschistischen Regime. Sie haben zudem die „Schlacht“ zwischen Partisaneneinheiten und deutschen Truppen erlebt, zu der es gekommen war, weil das Vieh aus vierzig Dörfern von der Besatzungsmacht beschlagnahmt worden war und abtransportiert werden sollte. In fünfzehnstündigem, fanatischem Kampf fielen dabei 554 deutsche Soldaten, wurden 630 verwundet, indes die Toten der Partisanen an zwei Händen abzuzählen waren. Es war ein Erfolg der Resistenza, der sich in dieser UnVerhältnismäßigkeit zwischen feindlichen und eigenen Verlusten nicht wiederholen sollte.

Die 16. SS-Panzergrenadierdivision verläßt Mitte September die Küste des Tyrrhenischen Meeres und dringt in die Bergtäler vor. Es ist zu verstehen, daß sie mit Rachegefühlen in diese Gegend kommt. Aber warum wird die Rache an der Zivilbevölkerung – und nur an dieser – vollzogen? Vom 14. September an ist die Blutspur des Bataillons Reder von Ort zu Ort zu verfolgen. Die Entvölkerung der Landschaft beginnt im Dorf Ceriano, dort werden 49 Menschen ermordet (28 Frauen, 19 Kinder, zwei invalide Greise); in Cassaglia werden 28 Familien ausgerottet (147 Personen, unter ihnen fünfzig Kinder); in Caprara di Marzabotto 107 Personen (darunter 24 Kinder); in Cadotto und Stevvola 145 Personen (darunter vierzig Kinder). In die Marmortafeln an den Wänden der zu Marzabotto errichteten Gedächtnis- und Trauerkirche sind 1830 Namen eingraviert.

Bei ihrer Ermordung ist von Handfeuerwaffen kaum noch Gebrauch gemacht worden, desto mehr von Handgranaten, Maschinengewehren und Feuer. Die Menschen in Kirchen und Ställen zusammenzutreiben und darin zu verbrennen, muß diesen SS-Männern eine ganz besondere Befriedigung bereitet haben. Obwohl die Partisanen nicht in der Lage gewesen sind, die Aktion der SS in den Dörfern um Marzabotto zu verhindern, wird dieser Dorfname zu einem Fanal im Freiheitskampf.

Vorabdruck aus Erich Kuby: „Verrat auf deutsch. Wie das Dritte Reich Italien ruinierte“; Hoffmann und Campe, Hamburg; 576 S., 39,80 DM