Da gibt es nichts: Was "verkaufen" heißt, wissen die Leute, die heute unter dem Namen Suhrkamp Bücher verlegen. Am 12. August kommt aus Frankfurt ein vom Verleger Siegfried Unseld stammendes Fernschreiben nach Hamburg ("betrifft: kulturredaktion"). Unseld teilt mit, für das kommende Frühjahr hätten die guten und zu Recht berühmten Autoren des Verlages gerade nichts auf Lager, von jungen Leuten sei nichts Brauchbares geschickt worden, die Zeiten seien im Verlagsgewerbe eh’ schlecht, die Kosten liefen uns allen davon – kurz: ein paar Sparmonate könnten wir alle brauchen, Verleger, Buchhändler, Leser, auch die Kritiker, und deshalb lege der geschäftige Suhrkamp Verlag mal ein Päuschen ein.

So steht es in dem Fernschreiben des Frankfurter Formulierungskünstlers natürlich allenfalls zwischen den Zeilen. Wer Brecht und Frisch, Hesse und Peter Weiss, Walser und Johnson, Eich und Enzensberger, Handke und Thomas Bernhard, Jürgen Becker und Jurek Becker verlegt, weiß sich gewählter auszudrücken:

"Die Bedeutung eines Verlagshauses beruht auf Büchern, die noch nach Jahren Wirkungen ausüben. Solche Bücher sind wie Jahresringe, die das Profil eines Verlages bilden. Sie dienen dem literarischen Gedächtnis."

Dann kommt’s: "Im 33. Jahr, im ersten Halbjahr 1983, möchte der Suhrkamp Verlag in seiner Produktion innehalten."

Da wollen auch wir einen Moment innehalten: Ein Verlag, der nur etwas taugt, wenn er ständig die neuen Bücher der neuen Autoren unters Leservolk bringt, "möchte in seiner Produktion innehalten". Er "will" nicht etwa, sondern – bescheiden – "möchte" nur. Solch versteckendes Sprechen, das sofort eine andere Wahrheit als die ausgesprochene vermuten läßt, verlangt mit stilistischer Notwendigkeit nach einem Wort nicht aus der rüden Notwendigkeits-Sprache von Handel und Wirtschaft, sondern nach den Säusel-Silben der Innerlichkeit und des "Jargons der Eigentlichkeit". Nicht die Räder stehen still, nicht die Druckmaschinen erholen sich vom Lärm, den sie erzeugen: nein, man sieht die Suhrkamp-Mannschaft in ihrer rastlosen Tätigkeit für die "Suhrkamp-Kultur" innehalten und ihrem Boß nachmeditieren, den wir uns vorstellen dürfen in der Haltung von Rodins "Denker", über die Bilanzen des Verlages gebeugt, innewerdend der Eitelkeit allen verlegerischen Treibens, zu der ihn die Mitgliedschaft im "Börsenverein des Deutschen Buchhandels" verpflichtet.

Bei jedem anderen Verleger, wäre die Frage allenfalls, ob da ein Konkurs oder erst ein Vergleich angemeldet werden soll. Bei Suhrkamp ist, natürlich, eine andere Pointe zu erwarten: Suhrkamp "möchte an alte Bücher erinnern". Deshalb wird der Verlag vom 1. Januar 1983 bis zum 30. Juni 1983 "auf Novitäten verzichten".

Wie abschätzig das klingt: "Novitäten". Bis gestern hat man uns derlei als heiße Ware, wichtiges Geistesgut, unentbehrliche Lebensmittel für unsere moralische Hygiene einzureden versucht. Statt der nach Supermarkt riechenden Novitäten gibt es in der Boutique Suhrkamp ein "weißes Programm", das "33 Bücher aus 33 Jahren bringt". Mit "weißem Design", in einmaliger Sonderausgabe zu niedrigem. auch für "junge Leute" erschwinglichem Ladenpreis werden angekündigt – lauter alte Bekannte: Bücher, die man sich als (preiswerte) Taschenbücher aus den verschiedenen Taschenbuch-Reihen von Suhrkamp längst erworben hat oder erwerben könnte.