Von Günter Kunert

GÜNTER KUNERT, am 6. März 1929 in Berlin geboren, lebt seit 1979, mit einem befristeten Visum aus der DDR gereist, in Itzehoe. Zu den wichtigsten Büchern des mit dem Heinrich-Mann-Preis und dem Johannes-R.-Becher-Preis ausgezeichneten Schriftstellers zählen der Roman „Im Namen der Hüte“ (1967) und die Gedichtbände „Warnung vor Spiegeln“ (1970), „Unruhiger Schlaf (1979).

Es fällt schwer, wie ich gestehen muß, angesichts des Heiseschen Artikels, eines von nahezu klassischen deutschen Obsessionen „verursachten“ Elaborats, sachlich zu bleiben. Und ich muß eingestehen, daß es mir leider nicht immer gelungen ist. Nach dem, was die Intelligenzia in Deutschland in der Vergangenheit hat erleiden und in der Gegenwart sich von Funktionären und Politikern hat anhören müssen, dürfte meine Allergie wohl verständlich sein.

Heises Intellektuellen-Schelte muß notwendigerweise eine Überreaktion erzeugen. Mich tröstet dabei nur, daß Heise gar nicht erst den Versuch zur Objektivität unternimmt; der Ton, den er anschlägt, ist „parteilich“. Wie sonst wäre das Vokabular zu verstehen, mit dem Heise die Dichter kennzeichnet: „Katerstimmung“, „Übellaunigkeit“, „private Misere“, „persönliche Verzweiflung“ bis zu: „miesepetrig“. Und daß er ganz ernsthaft und ohne alle Anführungszeichen in Bezug auf Schriftsteller von Schwarzmalerei und Kopfhängerei redet, wie weiland Wilhelm II., steht in derselben schlechten deutschen Tradition, die immer mal wieder in der Vertreibung der „Dichter und Denker“ zu kulminieren pflegt.

Hier wird eine Geisteshaltung offenkundig, die ich mir bei einem Autor schwer erklären kann. Woher diese Gestrigkeit? Sie muß, ich vermute es, ihre tiefen psychischen Gründe haben, deren Stärke sogar das logische Denken überwältigt und die eigenen Fachkenntnisse neutralisiert. So fragt da zum Beispiel Heise: „Wie kommt es bei den Lyrikern zu einer solchen Häufung von Akkorden in Moll, zu all den Eiszeit- und Endzeitgedichten?“ Und er beantwortet diese absolut legitime Frage nicht etwa mit einem analytischen Verweis auf die Weltläufte, auf den Grenzpunkt globaler Historie, jenseits dessen uns nur zu sichtlich Unheil erwartet, sondern mit einer technischen Erklärung: „Ich vermute, daß hier die Unfähigkeit vieler Autoren eine Rolle spielt, die erforderlichen Stimmungsregister zu ziehen.“

Diese Vermutung impliziert zwei Hypothesen. Erstens: Die Welt, heil. und intakt, stellt keine Wirkungsursache dar; die Dichter sind Spinner. Zweitens: Das Schreiben von Gedichten ist ein rein rationaler, ja primär mechanischer Vorgang, ein Knopfdruck-Unternehmen. Dieser Vorstellung, die ganz und gar die subtile und dialektische Wirklichkeitsverwobenheit des Lyrikers ignoriert, liegt eine rein ideologische Auffassung von Literatur zugrunde. Sie erinnert stark an die Stalinsche Formulierung vom Schriftsteller als „Ingenieur der menschlichen Seele“; sie nimmt eine vor-psychologische Haltung ein.

Was Heise „Unfähigkeit“ nennt und womit er die Unfähigkeit zur Beliebigkeit meint, ist die Fixation des Lyrikers, die seine Stärke ausmacht: Denn nur sie ist der Punkt, von dem das Alltagsbewußtsein kurzfristig aus den Angeln gehoben wird, um durch ein freieres, weniger determinier-