Wer ist der Größte unter den Großen der deutschen Industrie? Der populärste Maßstab dafür ist die Höhe und die Veränderung des Umsatzes. Dies ist zugleich auch die Ziffer, die sich am leichtesten ermitteln laßt. Selbst viele der Unternehmen, die das Licht der Öffentlichkeit immer noch scheuen und: deshalb nur dann Einblick in ihre Geschäfte gewähren, wenn der Gesetzgeber dies zwingend vorschreibt, geben immerhin den jeweiligen Jahresumsatz bekannt.

Leider ist die Höhe des Umsatzes für sich allein genommen aber ein weitgehend nutzloser Maßstab. Eine kräftige Steigerung der Verkaufszahlen muß nämlich keineswegs ein Ausweis für besondere Tüchtigkeit des Managements sein. Umsatzsteigerung bedeutet nicht automatisch, daß sich die Stellung des Unternehmens am Markt verbessert hat oder daß die Arbeitsplätze sicherer geworden sind. Es kann durchaus sein, daß der Umsatzzuwachs durch Übernahme anderer Unternehmen erzielt oder nur unter der Hinnahme hoher Verluste erkauft wurde. Es kann auch sein, daß ein Konzern nur deshalb auf der Rangliste nach vorn rückte, weil – wie bei der Ölindustrie – seine Rohstoffkosten enorm gestiegen sind. Hinter der Umsatzsteigerung kann sich dann sogar ein Rückgang der abgesetzten Mengen verbergen.

Um die Bedeutung eines Unternehmens für die Wirtschaft des Landes zu erfassen, sind deshalb andere Angaben wichtiger als der Umsatz. Wie viele Arbeitsplätze stellt es zur Verfügung? Kann es den Mitarbeitern überdurchschnittlich hohe Löhne zahlen? Bekommen die Kapitalgeber eine angemessene Rendite für das zur Verfügung gestellte Kapital? Was trägt das Unternehmen zur Finanzierung der staatlichen Aufgaben bei? Je besser geführt und je rentabler eine Firma ist, um so mehr kann sie auch für die Arbeitnehmer, die Eigentümer und den Staat erwirtschaften. Das Streben nach Rentabilität ist deswegen kein häßliches kapitalistisches Laster, sondern die Grundbedingung dafür, daß ein Unternehmen etwas für die Gesellschaft leisten kann, statt – wie beispielsweise heute die AEG – seine Existenz auf Kosten der Allgemeinheit zu fristen.

Um auf derartige Fragen eine Antwort finden zu können, veröffentlicht die ZEIT in diesem Jahr neben den Umsätzen zum siebtenmal auch eine Übersicht über die tatsächliche Leistung, die Wertschöpfung der Großunternehmen – und in dieser Liste schrumpft dann mancher Umsatzriese beträchtlich zusammen.

In der Wertschöpfungstabelle wird der Rang eines Unternehmens daran gemessen, was von ihm für die Mitarbeiter, den Staat, die Eigentümer und die Kreditgeber erwirtschaftet wurde. Schon ein flüchtiger Blick zeigt, daß in fast allen Fällen der weitaus größte Teil der Wertschöpfung an die Mitarbeiter fließt. Im Falle der AEG blieb 1981 für den Staat so gut wie nichts und für die Eigentümer (wie in den Jahren zuvor) gar nichts übrig. Die Kapitalgeber gingen allerdings auch im Falle der Runrkonle, von Ford, Opel und siebzehn weiteren Firmen leer aus. Mit anderen Worten: Bei mehr als jedem fünften deutschen Großunternehmen wurde keine Verzinsung des Eigenkapitals mehr erwirtschaftet. Bei Hoesch mußten die Kapitaleigner sogar 400 Millionen Mark zuschießen. (Dieser Betrag wird in der Tabelle von der Wertschöpfung abgezogen.) Im Verhältnis zu den Milliardenumsätzen ist der Kapitalertrag aber auch bei Konzernen wie Thyssen, Krupp, Reemtsma und anderen mehr als dürftig.