Der Bonner Sommer wird wie ein Wettkampf um neue Begriffe, schöne Etiketten und böse Schlagworte gestaltet: neue Mehrheiten, Ventil-Partei, neue Minderheiten, Arbeiterverräter... In diesen Tagen scheint nur Aufmerksamkeit zu gewinnen, wer entweder ein neues Wort erfindet oder starken Tobak benutzt.

Der Spiegel möchte das alles zu einem "Krisensommer ’82" bündeln, aber irgendwie paßt das Wort von der Krise nicht. Nach zu häufigem Gebrauch erscheint es einfach abgenutzt.

Offiziell ist er noch gar nicht eröffnet, aber in Bonn läßt sich schon spüren, was der Wahlkampf in Hessen der müden SPD/FDP-Koalition noch alles bescheren wird. Bei Genscher findet sich keine Spur mehr von dem Argument, mit der Wendung zu Dregger in Wiesbaden habe die FDP die Koalition in Bonn retten wollen, ganz im Gegenteil.

Eine Entwicklung, die bereits ihren Lauf nimmt, erhält nun vor den Hessen-Wahlen auch noch allerhöchsten demoskopisch-wissenschaftlichen Segen: nicht eine "richtige, normale Stammwähler-Partei" sollte die FDP werden wollen, sondern eine "liberale Ventil-Partei", hat das Allensbacher Institut von Elisabeth Noelle-Neumann empfohlen.

Hans-Dietrich Genscher scheint mit dem Vorschlag ganz einverstanden zu sein. Die Grundmelodie für den Herbst spielt er so vor: Die FDP habe "in unserem Lande die Aufgabe, Kontinuität gerade beim Wechsel sicherzustellen Sie müsse einfach "den Wechsel dort, wo notwendig, bewirken".

Bei Elisabeth Noelle-Neuman liest sich das ein bißchen akademischer. Aus ihrer Sicht muß die FDP keinerlei "bestimmte eigenständige Ziele" verfolgen, sondern soll den Wählern einfach ein Ventil bieten, wenn sich Spannungen aufstauen. Was vielen bisher als Schwäche der Liberalen galt, wäre dann eine Stärke, argumentiert sie, es komme eben nur auf die Perspektive an. Wenn man die Perspektive wechselt, ist die FDP dann bereits heil über den Berg?

Nach Meinung der Demoskopin: ja. Die SPD sei ohnehin schwach und brauche kein Ventil mehr. Aber die vielen CDU/CSU-Anhänger hätten ein Ventil nötig. Auch die Erhebungen, die Elisabeth Noelle-Neumann angestellt hat, daß nämlich eine breite Mehrheit der FDP-Anhänger die Koalition mit der SPD für richtig halte, bedeuten nach dieser Logik nichts. Wenn die FDP ohnehin kaum Stammwähler hat, ist es auch ziemlich gleichgültig, welche Meinungen sie bei ihren Anhängern ermittelt.