Von Rainer Schauer

An meiner Sportlichkeit auf, unter und über Wasser ist nicht mehr zu zweifeln. Bei stark böigem Wind aus wechselnden Richtungen, bei Wassertemperaturen um 18 Grad und im ersten Anlauf ist es mir gelungen, den Surf-Grundschein zu erwerben. Nun ist es amtlich und in drei Sprachen festgehalten: Der Inhaber des Scheins ist berechtigt zu surfen, wo immer er will – wenn die Behörden für die Gewässer die Erlaubnis geben.

Eigentlich konnte ja am Mondsee im schönen Salzkammergut sowieso nichts schiefgehen. Fritz, unser Surflehrer, hatte seinen Kurs mit einem Eid begonnen: "Ich schwör’ euch", machte Fritz uns Mut, "daß ihr am Ende der Woch’n surfen könnt." Und wie wir es konnten. Am Ende der Woche glitten seine sechs Schüler übers Wasser, halsten und wendeten mehr oder minder elegant, fuhren vor dem Wind, am Wind, hart am Wind und versuchten gegen alle physikalischen Gesetze auch gegen den Wind anzusteuern. Dieses kühne Manöver endete dann in aller Regel so, daß sechs Damen und Herren prustend aus dem klaren Wasser des Mondsees auftauchten und mit der Hartnäckigkeit von Verzweifelten dasselbe Spielchen von vorne begannen. Surfen ist schließlich Wassersport.

Montags hatte der Kurs begonnen. Die Stimmung war ausgezeichnet. Zuerst mußten wir ein Formular unterschreiben, auf dem steht, daß jeder Schüler in der Lage sein müsse, 15 Minuten im tiefen Wasser zu schwimmen. Der Schnürlregen brauche niemanden zu stören, so Rudolf Brandstötter, Inhaber der größten Surf- und Segelschule Österreichs, denn "je schlechter das Wetter, desto besser der Wind". Mit dieser Surf-Bauernregel Nummer eins und etlichen theoretischen Erläuterungen wurden wir in die Praxis entlassen und auf den Simulator gebeten. Erste Übung auf der nach allen Seiten drehbaren Eisenkonstruktion mit aufgeschnalltem Surfboard: Segel aus dem imaginären Wasser holen. Dann die Lektionen für den Start. Das ließ sich bestens an. Vom Simulator purzelte niemand. Dafür aber nachmittags vom Brett bei den Gleichgewichtsübungen auf offenem See. Nach dem elften Sturz vom segellosen Surfboard gab ich das Zählen auf. Fritz stand trocken im Motorboot und schaute grinsend zu, wie seine Mannschaft Wellen schlug.

Dienstag. Wie an jedem Tag eine knappe Stunde theoretischer Unterricht. Da ja inzwischen die Surfer hoffähig geworden sind, haben sie sich auch die Sprache der Segler angeeignet. Also "steuerbord" heißt links und "backbord" bedeutet rechts ... oder nein, umgekehrt. Wo Luv ist, das hat sich unauslöschlich eingeprägt. "Luv", sagte Fritz schlicht und einfach, "ist immer dort, wo die Luft herkommt."

Am Nachmittag blies der Wind mit Stärke drei. Zu stark für die ersten Fahrversuche eines Anfängers, zu schwach aber, den Ehrgeiz zu bremsen. Das taten dann der Wind, die Wellen und das vermaledeite Brett von selbst. Grau war auch am Mondsee alle Theorie. Hatte ich mein Surfboard zum Start vorschriftsmäßig im 90 Grad Winkel zur Windrichtung gedreht und mit dem Startschot das Segel aus dem Wasser gezerrt, so daß es mit dem Brett auch einen 90 Grad Winkel bildete, da plumpste ich bereits wieder ins Wasser, und das Segel legte sich wie schützend auf mich Surfbrüchigen. Das ging zweieinhalb Stunden so: Trotz aller richtig angewendeten Handgriffe schoß das Brett regelmäßig gegen den Wind und ich wie ein Pfeil ins Wasser. Am Abend waren die sechs Anfänger ausgelaugt und ausgepumpt. Die ersten sagten: aufhören. Ich beschloß es. Die Hände waren geschwollen, die Muskeln verspannt, die Knie zitterten.

Doch die Gruppendisziplin war stärker. Und am Mittwoch kam die große Wende. Ein sanfter Wind strich über den See. Ideale Voraussetzungen für einen neuen Start. Und plötzlich klappte es, alle Resignation war verflogen. Tatsächlich, wir surften, glitten nicht nur ein paar Meter über die gekräuselte Seeoberfläche, sondern ein paar hundert, ohne ein einziges Mal ins Wasser zu fallen. Das war ein Hochgefühl, das abends beim Holzinger-Bauern in Scharfling mit einer kräftigen Brotzeit gefeiert wurde. Jetzt hatten wir uns endgültig in die Millionenschar der Surfer in aller Welt eingereiht. Wir beherrschten das Wenden, Halsen, wußten zu kreuzen und mußten nicht mehr mit dem Motorboot vor den Augen der Profis in den Segelhafen geschleppt werden. Das Eigenlob war verfrüht. Am Donnerstag wehte der Wind wieder stärker: Ich kurve alleine weit draußen auf dem See. Plötzlich drückt eine starke Bö in das Segel. Ich stürze ins Wasser, das Segel löst sich aus der Verankerung, und das Brett schnellt davon. Beim Sturz verletze ich mich am Knie. Das Bein läßt sich nicht mehr abbiegen. Panische Angst steigt auf. Ich kann nicht mehr schwimmen. Das Surfboard treibt langsam ab. Ich rufe um Hilfe. Niemand hört es. In Rückenlage paddele ich aufs Brett zu, krabbele hinauf und fühle mich so erleichtert wie ein Schiffbrüchiger nach seiner Rettung. Dann höre ich das Tuckern eines Motorboots. Fritz holt mich ab: "Wärst bei der Gruppe geblieben", tadelt er unwirsch.