Das Kosovo und die Wirtschaftskrise bedrohen den Zusammenhalt des Vielvölkerstaates

Von Christian Schmidt-Häuer

Belgrad/Ljubljana

Der Mann mit dem Menjou-Bärtchen, der auf dem Empfang im offen zugänglichen Presseclub plötzlich unter uns stand, plauderte munter drauflos. Wie ein verbindlicher Cafehaus-Literat aus k.u.k.-Tagen verstreute er Komplimente und Kommentare, ungeschützt und auch nicht abgeschirmt. An seinem Revers trug er eine Identitätskarte mit Namen und Paßphoto – wie alle auf dem jugoslawischen Parteitag, von den Delegierten bis zu den Kellnern.

Die kommunistischen Ordensträger aus den anderen sozialistischen Ländern hätten diesen Auftritt ihres neuen Amtsbruders kaum als standesgemäß empfunden: Mitja Ribicic, 63jähriger Slowene, vom ersten Kommunisten-Kongreß nach Titos Tod für ein Jahr zum jugoslawischen Parteichef gewählt, gehört sichtlich nicht zur kommunistischen Spitzen-Bürokratie. Zwar begann er seine Karriere im Polizeiapparat, doch heute trägt er in seiner slowenischen Muster-Republik zu entspannten Beziehungen zwischen Kommunisten, Kirche und kritischer Jugend bei. Im Februar hatte er sich sogar diskret hinter den Protest der slowenischen Studenten gegen die Unterdrückung der polnischen Solidarność gestellt. Weil das Klima in den anderen fünf jugoslawischen Republiken wesentlich schlechter ist, verschafft sich Ribičić von Zeit zu Zeit Luft mit ketzerischer Ironie – eine seltene Gabe unter jugoslawischen Politikern;

Auch die Besetzung der (seit dem Frühsommer) neuen Regierungsspitze ist ein Sonderfall in der Geschichte Jugoslawiens und des Kommunismus. Zum ersten Male und zum Schrecken der Männergesellschaft von Montenegriern, Mazedoniern und Muselmanen wird der balkanische Vielvölkerstaat von einer Frau regiert, der 58jährigen langjährigen kroatischen Parteichefin Milka Planinc. Sie „gleicht zwar nicht der Eisernen Lady“, so niemand die Belgrader Zeitschrift NIN, „aber niemand leugnet, daß sie eine resolute Frau ist“.

Ein entspannter Parteichef, der eigentlich schon in Pension gehen wollte, eine Frau als Premier – ganz schlimm kann es da doch eigentlich nicht bestellt sein um das anarchische Reich der Südslawen, dem die Sandkasten-Militärs und die Boulevardpresse bei Titos Tod im Mai 1980 den schnellen Zerfall oder die Zerstückelung durch die Sowjets prophezeiten.