SPD in Hamburg: die Wahl verloren, aber die Macht gerettet und keiner weiß, wie es eigentlich weitergehen soll. Da kommt, mitten in der Flaute und der Sommerpause, Kultursenator Wolfgang Tarnowski mit seinem 68 Doppelspalten dicken, von 18 Mitarbeitern kompilierten "Kulturbericht 82", und schon wissen wir wieder, wo es lang geht: "Eine demokratische Kulturpolitik hat innerhalb einer pluralistischen Gesellschaft und angesichts so komplizierter Kulturvermittlungssysteme die Aufgabe, einen demokratischen Kulturbegriff aufrecht zu erhalten und das Recht verschiedener sozialer Gruppen auf Gleichbehandlung verschiedener kultureller Interessen durchzusetzen." Nach der Lektüre eines solchen Satzes, den Karl Valentin gern geschrieben hätte, erinnert man sich schmerzlich daran, daß mit dem Rausschmiß der FDP aus dem Rathaus 1978 nicht nur die derzeitige Hamburger Patt-Situation ihren Anfang nahm, sondern daß damals auch Dieter Biallas, der Vorgänger von Tarnowski und einer der fähigsten und eigenwilligsten Kulturpolitiker im Lande, die Szene verließ. Von Biallas, der manches angezettelt hat, mit dem Tarnowski sich im Report jetzt schmückt, ist übrigens nirgendwo die Rede.

Auf den ersten Blick ist dieser "Kulturbericht 82" eine reife Kabarettleistung, eine Persiflage auf einen Kulturbericht. Da wird, als handele es sich um ein Kleingärtner-Vereinsprotokoll, das ganze Material in ein dreifach gestuftes Zahlensystem gegliedert und die Kultur von 1. über 10.2.5. bis 13.3. sortiert. Da wird, wie in einer Proseminararbeit, der Verfassungsauftrag des Kulturstaates in der Weimarer Zeit und im Grundgesetz plus Quellenangabe (Maunz/Dürig, Grundgesetzkommentar) zitiert. Und da wird, in der Beschreibung der Hamburger Musikszene, bis auf Carl Philip Emanuel Bach zurückverwiesen – ein Tusch bei "Onkel Pö", Hamburgs Jazzkneipe, die auch vorkommt, ist fällig. Und da wird schließlich der Kulturbericht der Hansestadt Hamburg in einem Deutsch vorgelegt, über das man lachen könnte, wenn man nicht wüßte, daß hinter diesen teils strammen und teils schwammigen Formeln und Formulierungen aus dem Wörterbuch des SPD-Kultur-Menschen ein ebensolches Denken steht.

Außer dem traditionellen deutsch-bürokratischen Mief und der ebenso traditionellen Unsicherheit der Sozialdemokraten im Umgang mit Kultur wird hier aber auch ein sehr gezielter Machtanspruch präsentiert, der sich mit der Parole "Kultur für alle schmückt, in Wahrheit aber darauf aus ist, "politische Führung und spezielles fachliches Handeln, aber auch die einzelnen Fachbereiche untereinander zum Konsens zu bringen". Alles, so kann man auf Seite 10 lesen, soll in Systeme gebracht werden, die ihrerseits wieder ineinandergreifen. Und während in Sätzen wie "Der künftigen Theaterpolitik in Hamburg ist das allgemeine Bedürfnis aller Menschen nach theatralischem Erlebnis zugrunde zu legen" heiße Luft herumgewirbelt wird, werden durch Plazierungen im Zahlensystem, durch Kommentierung und besonders auch Nichterwähnung deutliche Noten gegeben für die in Hamburg um Kultur Bemühten. Und in dieser Notengebung liegt natürlich auch eine Absichtserklärung.

Da wird, bei der Aufzählung der Aufgabenbereiche, die Stadtteilkultur an zweiter, die Musik an vierter und der Museumskomplex an sechster Stelle genannt. Da wird der Intendant der Staatsoper, Christoph von Dohnanyi, nicht erwähnt, dafür aber unter "Künftige Aufgaben" die Erschließung "weiterer Flächen vor allem in der Innenstadt für die kulturelle Bespielung" als einer von sieben Kernpunkten genannt. Da werden das "Hamburger Literaturtelephon" und die "Förderung sozio-kultureller Stadtteilzentren" gepriesen, aber der große, international gelobte Ausstellungszyklus der Kunsthalle "Kunst um 1800" nicht erwähnt. Das sind Ungereimtheiten, hinter denen die Absicht steht, die im letzten Absatz ausgesprochen wird: "Die Chance einer auch volkstümlichen Kultur" zu befördern. Das ist schon recht. Aber daß das Volk nicht tümlich sei, hatte Bertolt Brecht schon vor langer Zeit festgestellt. In der Hamburger Kulturbehörde weiß man das besser.

Petra Kipphoff