Von Fritz Pleitgen

In Effelder, einem 1400-seelen-Ort im katholischen Eichsfeld, hatten wir die Kameras noch nicht ausgepackt, da wußten wir schon, daß hier ein desertierter Sowjetsoldat auf freiem Feld erschossen worden war. Die DDR-Presse hatte den Fall totgeschwiegen und damit für die Langlebigkeit der Empörung gesorgt.

Die Bevölkerung sprach von einer Exekution. Der blutjunge, von sowjetischen Feldjägern und deutschen Volkspolizisten gehetzte, völlig verzweifelte Rotarmist sei unbewaffnet gewesen. Die Anteilnahme war groß. Für den Toten wurde eine Messe gelesen. Sie wirkte wie eine Demonstration. Die Kirche zu Effelder – wegen ihrer überragenden Lage Eichsfelder Dom geheißen – war bis auf den letzten Platz besetzt.

Daß Sowjetsoldaten Fahnenflucht begehen, ist keine Seltenheit. Ein Deserteur raste in einem gestohlenen Wagen durch Ost-Berlin. An der Ecke Friedrichstraße/Unter den Linden nahm er seine Verfolger unter Beschuß. Bei dem Feuerwechsel wurde ein Mitarbeiter der Bonner Vertretung, der sich auf dem Heimweg befand, schwer verletzt. Der Fahnenflüchtige konnte überwältigt werden. Er sei durchgedreht, hieß es später. Dafür hat er – so fürchte ich – mit dem Leben büßen müssen.

Wie kommt ein Sowjetsoldat dazu, die Truppe zu verlassen, wo er sich doch in der DDR wie zu Hause vorkommen muß? Überall wird er als Freund gefeiert: in den Medien, auf Plakaten und Transparenten. Doch von all den schönen Worten hat der russische Muschik wenig. Er sitzt in der Kaserne, der Sold reicht knapp für eine Flasche Wodka, Ausgang gibt es nur in Gemeinschaft und in Begleitung eines Offiziers. Bekanntschaften mit DDR-Bürgern: so gut wie keine.

Daß es Kontakte gibt, soll nicht bestritten werden. Sie sind proletarischer Internationalismus in Aktion, allerdings nicht aus dem Lehrbuch des Marxismus-Leninismus.

Auf einem Parkplatz in einem Waldstück empfingen mich wenig freundliche Blicke, als ich mich einer Gruppe von Sowjetsoldaten und DDR-Bürgern näherte. Ich war in einen Benzinhandel geraten. Die Soldaten verscherbelten den Armee-Treibstoff gegen Geld und Gebrannten. Die schnell erkannte Identität als westdeutscher Fernsehkorrespondent machte mich zum vertrauenswürdigen Gesprächspartner. „Denen kannst du Sprit abnehmen. Die füllen den Kanister nicht mit Wasser auf.“ Die Vertreter der sowjetischen Gardedivision faßten mich denn auch gleich als potentiellen Kunden ins Auge, als sie an mir keinen bürgerlichen Dünkel gegenüber dem Naturalienhandel beobachteten. Leider führten sie keinen „Super“ im Angebot.