Von Rolf Michaelis

Liest man die kurzen Geschichten der 1936 in Basel geborenen Adelheid Duvanel, so bedauert man, daß unsere Sprache zu manchen Wörtern den Gegensatz nicht bilden kann (wie die Erzählerin dem Ungetüm „Das Getüm“ erfindet). Oder könnte man, als Pendant zu „aufschlußreich“, sagen: zuschlußreich? Gibt es neben „Außenseitern“ auch Innenseiter?

Die Menschen, von denen die Schweizer Autorin erzählt, sind oft Frauen, öfter Kinder, (Halb-) Waisen, die bei Großeltern, Stiefeltern, bei Onkel oder Tante aufwachsen; meistens Buben und Mädchen im schwierigen, von Träumen und Wünschen besänftigten, bedrohten Übergang zum Leben der sogenannten Erwachsenen; immer: Unterdrückte, Hilflose, Trostsuchende.

Der „ungewöhnliche Junge“, das „besondere Mädchen“ der gleichnamigen Erzählung sind, von außen, mit den Augen der Mitwelt betrachtet, ganz gewöhnliche, gar nicht besondere Kinder. Aber Adelheid Duvanel erzählt aus der Perspektive – was heißt Perspektive: aus der Glücksqual zweier junger Menschen, die keine Sprache haben für das, was sie fühlen, die also wirklich zwei ungewöhnliche, zwei besondere Menschen sind, weil sie sich ihrer bisher nur dumpf empfundenen Einsamkeit zum ersten Mal bewußt werden und plötzlich darunter leiden. Das vom ersehnten Partner verordnete Alleinsein wird danach eingeübt als Lebensprogramm: Die mit ihrem Wunsch nach Gemeinschaft Abgewiesenen schließen sich ab von den – „die Nächsten“ genannten – Menschen der Familie, überhaupt von der (Um-)Welt. „Anna, das Jüngste der Kinder, hatte sich vor der Stiefmutter verschlossen.“ Das ist ein charakteristischer Satz.

Wie eine Erkennungsmelodie für die leicht, fast idyllisch beginnenden Miniaturen von Adelheid Duvanel, die sich verdüstern zu Gespenstergeschichten aus dem ganz gewöhnlichen Alltag, klingen die Worte, mit denen ein gerade von Frau und Kind getrennter Mann in der Ich-Erzählung „Das Telefon“ seine Geschichte (sein Leben?) beendet Schuldlos schuldig geschieden, hat er sich in sein tristes Untermieter-Zimmer ein Telephon legen lassen: „Ich konnte es kaum erwarten, doch nun weiß ich nicht, wen ich anrufen soll.“ Schließlich kann er der Versuchung nicht widerstehen, die Frau anzurufen, mit der er drei Jahre gelebt hat Den Namen will er nicht nennen: Er hofft, sie erkenne ihn an seiner Art zu atmen. „Ingrid sagt zweimal, Hallo in mein Ohr. Ob sie nicht hört, wie mein Herz davonrennt? Im Hintergrund fragt eine Männerstimme ungeduldig, wer ich sei, da hänge ich wieder auf und lasse meine Hand auf den Tisch fallen und dann den Kopf... So sitze ich lange in der Finsternis, ganz tief in mir drinnen ... Ich habe mich zugeschlossen und bleibe bei mir; endlich bin ich in der Tiefe angelangt.“

Ganz tief in mir drinnen: Das ist die Welt, in der die immer wieder auf sich selber verwiesenen, in sich selber zurückgestoßenen Menschen dieser ein, zwei, höchstens vier bis fünf Seiten langen Erzählungen leben. Von dem Bruder in der Erzählung „August, Außenseiter“, den wir mit größerem Recht einen Innenseiter nennen könnten, heißt es, er habe einmal gesagt: „Ich spüre es genau: Diesmal ist die Nacht innen.“

Wer so tief in sich drinnen lebt, daß er auch noch das Draußen als Drinnen erlebt, kann nur überleben, wenn er auch die umgekehrte Erfahrung macht, die Adelheid Duvanel – unter dem Signal-Titel für fast alle ihrer Miniatur-Erzählungen: „In der Falle“ – von dem Journalisten erzählt, „der keine Artikel mehr schreibt, weil er sich vor Journalisten ekelt, die Artikel schreiben“: „Er mußte erleben, daß Menschen ihr Innerstes wirklich nach außen stülpen, und daß ihr Inneres sich im Außen bewährt.“