Irgendwann im Jahre 1975 hatte Günter Hartkopf ein Schlüsselerlebnis. Zu jener Zeit sei von der Autoindustrie das „Schreckgespenst an die Wand gemalt“ worden, die gesetzliche Reduzierung des Bleigehalts im Benzin werde zur Existenzfrage von Millionen Motoren. Er habe damals, erinnert sich der Umwelt-Staatssekretär im Bundesinnenministerium, aus dem Verhalten der Autohersteller „Rückschlüsse auf die Glaubwürdigkeit“ der Branche gezogen. Denn unter Entzugserscheinungen litt kein einziges Fahrzeug.

Seit dieser Zeit jedoch ging die Bundesregierung jedem ernsthaften umweltpolitischen Konflikt mit der Automobilindustrie aus dem Weg. Obwohl die Belastung durch Abgasschadstoffe, Lärm und Materialien – etwa durch Asbest-Bremsbeläge – stieg, schien es offenbar unzumutbar, den Pkw-Produzenten die Auflagen zu machen, die für einen Großteil der Exportfahrzeuge ohnehin seit Jahren erfüllt werden müssen. Zwar trafen sich im Juli 1981 die Automanager mit den zuständigen Bundesministern, vereinbart aber wurde lediglich, „die unterschiedlichen Standpunkte in einem gemeinsamen Sachverständigengremium zu behandeln“.

Erst die Erkenntnis, daß (auch) das Lieblingskind Nr. 1 der Deutschen, das Auto, mit seinen Abgasen dem Lieblingskind Nr. 2, dem deutschen Wald, erhebliches Leid antut, setzt der Schonzeit für vierrädrige Umweltschädlinge jetzt offenbar ein Ende.

Am 1. September, wenn das Bundeskabinett über die Umweltschutzmaßnahmen der nächsten Jahre berät, geht es unter anderem um eine Studie des Berliner Umweltbundesamtes zum Thema Benzol, einem brisanten Schadstoff im Benzin. Noch im selben Monat steht der Bericht zur Veröffentlichung an – wenn nicht wieder einmal neue Hinderungsgründe auftauchen. Die Benzol-Expertise ist nämlich schon seit gut zwei Jahren fertiggestellt, paßte aber Anfang 1980 nicht so recht in die politische Landschaft.

Schon bald nachdem die gesetzliche Blei-Limitierung gültig geworden war, wuchs der Verdacht, einige der Mineralölkonzerne hätten dem Kraftstoff statt des Schwermetalls vermehrt Benzol zugesetzt Die Benzol-Studie hätte womöglich dem hochgelobten Benzin-Blei-Gesetz am Zeug geflickt Überdies gab es gewisse (auch interne) Widerstände gegen das Papier! Die Untersuchung wurde immer wieder als „unausgewogen“ an die Referenten zurückverwiesen.

Die Ausgewogenheit wurde schließlich hergestellt, als die maßgeblich von der Mineralölindustrie finanzierte „Deutsche Gesellschaft für Mineralölwissenschaft und Kohlechemie e. V.“ mit untersuchen durfte. An den Fakten änderte sich gleichwohl nichts:

  • Zwischen 25 000 und 30 000 Tonnen Benzol werden hierzulande jährlich aus den Auspuffrohren in die Luft geblasen. Das ist mehr, als ursprünglich im Sprit enthalten war. Der Schadstoff, chemisch eine sechseckige Verknüpfung von Kohlenstoffatomen mit Wasserstoffanhang, entsteht nämlich nicht nur in Raffinerien beim Cracker des Rohöls, sondern auch beim Verbrennungsprozeß im Ottomotor;
  • Weitere 10 000 bis 15 000 Tonnen entweichen bei der Lagerung von Benzin, an den Tankstellen, aus chemischen Betrieben und Kokereien sowie beim Kleinverbrauch.
  • An den Hauptverkehrsstraßen liegt die Benzolkonzentration in der gleichen Größenordnung wie zum Beispiel jene von Schwefeldioxid, zwischen 20 und 100 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft.