Stuttgart

Die wuselige Hektik auf Europas größtem Ärztekongreß, der „Medica“‚ verschafft ihm nicht zu Unrecht Hochgefühle: Dr. med. Rolf-Detlev Berensmann, 62 Jahre alt, ist der Erfinder, Gründer und Macher dieses Fortbildungs-Zirkus, der alljährlich in Düsseldorf seine Zehe aufschlägt. Schon wegen seiner Kongreß-Erfolge ist der untersetzte Doktor mit dem Hang zur Größe bei manchen seiner Funktionärs-Kolleten aus der Ärzteschaft nicht sonderlich beliebt. Rolf-Detlev Berensmann ficht das aber nicht an und mochte auf seinem Stuttgarter Ledersessel als ippig bestallter Geschäftsführer der Bezirksärztekammer Nordwürttemberg nicht länger still sitzen. Er faßte einen neuen Plan.

In einer Zeit, in der jener Tendenz in der Medizin ein Riegel vorgeschoben werden soll, sich mit „mehr oder weniger käuflichen oder exotischen Professorentiteln zu schmücken“ (das Fachblatt Medical Tribune), strebte ausgerechnet der Kammerfunktionär Berensmann wieder einmal nach Höherem.

Besonders gute akademische Kontakte verbanden den Wahlschwaben mit der Hamburger Musikhochschule. Deren Präsident ist ein alter Freund. Und da dem arbeitssüchtigen Berensmann schon immer eine Affinität zu arbeitsmedizinischen Themen eigen war, schlug er vor, für sich einen entsprechenden Lehrauftrag zu etablieren. Das Thema von zweifellos epochaler Wichtigkeit: der Cello-Hoden. Der frischgebackene Professor wollte in einer Studie der Frage nachgehen, wie sich das Cellospiel männlicher Musikanten auf den besonders empfindlichen Körperteil auswirke. Die Finanzierung war durch die Gesellschaft zur Förderung Medizinischer Diagnostik e. V. gesichert, die Berensmann zusammen mit prominenten Kollegen vor Jahren gegründet hatte.

Solche Geschäfte unter der Gürtellinie forderten freilich massive Kritik heraus, und die Hamburger Universität beeilte sich mitzuteilen, ihr allein obliege die Verleihung von Professoren-Titeln auf dem Gebiet der Arbeitsmedizin. Der Kammer-Geschäftsführer aus Stuttgart könne mit einem solchen Titel nicht rechnen (Spötter: „Prof. c. h.“ wie Cello-Hoden). Die in diversen Standesorganen verbreitete Berufungs-Meldung mußte – hochnotpeinlich – wieder zurückgenommen werden.

Dies alles schluckten die offiziellen Standesgremien noch.

Dann aber beging Berensmann Hochverrat, indem er sich auf den Philippinen mit Hokuspokus-Heilern einließ und sich von ihnen gar einen Bindegewebsknoten hinter dem rechten Ohr entfernen ließ – „ohne Narkose, ohne Blutung und ohne Instrumente“, wie er triumphierend der Bunten berichtete. Das Blatt druckte neben dem verschmitzten Konterfei des auf verbotenen Pfaden wandelnden Kammer-Herrn auch dessen Forderung, die Wissenschaft hierzulande solle sich stärker als bisher mit solchen Phänomenen beschäftigen – wie das in den USA und der UdSSR schließlich schon geschehe.