Wie konnten sich die Verhältnisse so weit zuspitzen, wie konnten bei einem so großen Konzern die Dinge so weit treiben, daß sich derartige Verluste ergeben haben?“ Diese Klage stammt nicht aus den letzten Tagen, meint nicht den Zusammenbruch des AEG-Konzerns. Sie stand im Juni 1931 in der Kölnischen Zeitung und galt den Nöten der Norddeutschen Wollkämmerei und Kammgarnspinnerei Bremen.

Die Pleite der Nordwolle, wie das weitverzweigte Unternehmen im Börsenjargon hieß, schockte 1931 das Ausland und brachte das ohnehin schwindende Vertrauen in die Wirtschaftskraft des Deutschen Reiches auf Null.

Schock auch diesmal. „AEG-Telefunken-Fall erschüttert Westdeutschland“, so die Schlagzeile der Financial Times am 10. August zum Vergleichsantrag der AEG.

Der Blick in die Kölnische Zeitung vom 18. Juni 1931 zeigt beängstigende Parallelen zuhauf: „Langsam und nur stufenweise lüftet sich das für die Öffentlichkeit schmerzliche Geheimnis bei der Norddeutschen Wollkämmerei“, heißt es da; heute wird langsam und stufenweise die Öffentlichkeit durch immer neue Vergleichsanträge von AEG-Tochterfirmen aufgeschreckt. „Die Verwaltung und der Aufsichtsrat scheinen ein Opfer ihres wirtschaftlichen Optimismus geworden zu sein“, hieß es damals; „wir haben die Konjunktur anders eingeschätzt“, gibt AEG-Aufsichtsratsvorsitzender Hans Friderichs heute klein bei. Es werde „zu beantworten sein, warum die Hauptgläubiger, das sind die Banken, nicht bereits vorher eingegriffen haben“, bohrte die Weser-Zeitung im Juli 1931 nach, als der damals größte deutsche Textilkonzern auch noch Konkurs anmelden mußte; Kritik an den Banken, den Hauptgläubigern des zweitgrößten deutschen Elektrokonzerns, wird auch heute wieder laut.

Die Parallelen schrecken, denn die Pleite der Nordwolle hatte damals bittere Konsequenzen: Am 13. Juli 1931 mußte die Darmstädter und National-Bank (Danat-Bank) im gesamten Deutschen Reich ihre Schalter schließen. Die Danat-Bank, eine der vier deutschen Großbanken und Hauptgläubiger des Textilkonzerns, war zahlungsunfähig geworden. Der Hauptgläubiger von AEG, die Dresdner Bank, bemüht sich heute, jeder Spekulation die Spitze zu nehmen: „Kraft und innere Reserven der Dresdner-Bank-Gruppe erlauben den Ausgleich aller in diesem Zusammenhang denkbaren Beträge“, versicherte der Vorstand schon eine Stunde nach Bekanntgabe des AEG-Vergleichsantrages am 9. August. Die Geschichte soll sich nicht wiederholen.

Aber ist das Gespenst der Weltwirtschaftskrise vor 50 Jahren durch gute Vorsätze noch zu verscheuchen? Selbst der Bundeskanzler, der doch der miesen Stimmung entgegenwirken möchte, kam am Wochenende in einem Rundfunkinterview immer wieder auf das Jahr 1931 zurück. Unauslöschlich hat es sich den Menschen der älteren Generation eingeprägt: Bankenkrach und Konkurse, das Erlahmen der Wirtschaft, der Bankrott der Gemeinden, fast sieben Millionen Arbeitslose. In den Geschichtsbüchern markiert das Krisenjahr 1931 den Anfang des Unheils in Deutschland: den Untergang der Demokratie, das Ende des Rechtsstaates.

Spätestens hier zögert man: Ist 1982 wirklich mit 1931 vergleichbar? Was unterscheidet die „Weltdepression“ (Helmut Schmidt) heute von der Weltwirtschaftskrise damals? Wo sind die Parallelen, wo die Unterschiede?