Fast jeder siebte Brite ist arbeitslos. Die Opposition forderte Margaret Thatcher auf, ihre „herzlose Halsstarrigkeit“ endlich aufzugeben und die Wirtschaftspolitik rasch zu ändern.

Nur einen halben Tag lang war Premierministerin Thatcher ohne Arbeit: Sie ließ Krampfadern wegoperieren und muß nun vorübergehend Hosen tragen. Sehr viel länger ohne Arbeit sind derzeit 3,3 Millionen ihrer Landsleute. Die britische Arbeitslosigkeit hat mit einem Durchschnitt von 13,8 Prozent einen neuen tristen Rekord aufgestellt. Da werden nicht länger nur überflüssige Arbeitskräfte herausgeschüttelt, da ist im Gange, was man zynischerweise die „dritte industrielle Revolution“ nennen könnte: Die erste gab in England ihr Debüt, die zweite hat die Insel weitgehend verpaßt und muß deshalb mit der dritten, bitteren wieder vorangehen.

3,3 Millionen und dennoch vielleicht gar nicht alles. Arbeitsminister Tebbitt läßt gerade untersuchen, wieso sein Ressort 10 000 Hochschulabsolventen, die keine Arbeit haben, einfach wegließ in der Monatsstatistik für Juli. Und überhaupt: Darf man den Ziffern einer Regierung, die ihr Geschick eingestandenermaßen in die Image-Pflege einer Werbeagentur gestellt hat, noch irgend etwas glauben? Nahezu täglich kommen jetzt absichtliche Falkland-Fehlinformationen ans Licht. Wer im Südatlantik lügt, warum soll der daheim die Wahrheit sagen?

In London haben „nur“ 10,3 Prozent keine Arbeit, allerdings hat die Hauptstadt noch nie eine zweistellige Zahl von Unbeschäftigten erlebt. In Birmingham, dem Wirtschaftsjuwel der Jahrhundertwende, sind es 12,3, in Glasgow 15,9, in Nordirland 21,5 Prozent. In der Bürgerkriegsprovinz gibt es Städte, in denen jeder dritte Bürger keine Arbeit hat. Die Werft von Harland Wolff, der einzige Großbetrieb in Ulster, entläßt gerade weitere 1300 Beschäftigte.

Was das kostet, ist unbeschreiblich. Nordsee-Öl-Einkünfte und Etat-Ersparnisse, zwei „schwarze“ Bilanzfaktoren im Hauptbuch der Regierung Thatcher, werden weggefressen durch die Milliarden der „roten“ Ziffern für die Unterstützung untätiger Arbeitskräfte.

Die Arbeitslosigkeit greift tief ins soziale Geflecht. Die Streiks gehen zurück. Dreistigkeiten wie der Anspruch der Lokführer auf den gewohnten 8-Stunden-Tag brechen in sich zusammen. Nur populäre Berufe wie Krankenschwestern dürfen sich längere Ausstände leisten. Die einstmals mächtigen Gewerkschaften verbreiten ein Gefühl der Ohnmacht, das sie sich durch Racheschwüre zu versüßen suchen. Die Opposition steht ohne wirksame Waffen da, auch wenn SDP-Mitführer David Owen tapfer behauptet, die Herzlosigkeit der Thatcher-Regierung gegenüber den Arbeitslosen werde sie die Macht kosten.

England kann nach der Herrschaft der „Eisernen Lady“ nie mehr sein, was es zuvor war. Nur gibt es niemanden, der schlüssig zu sagen vermöchte, ob das „künftige Britannien“ – wie Ludwig Erhard in den Tagen deutschen Hochmuts die Insel zu nennen pflegte – seinen Bürgern wirklich ein besseres oder nicht doch ein eher weiter reduziertes Leben bieten wird.

Karl-Heinz Wocker (London)