MICHAEL KRÜGER, am 9. Dezember 1943 in Wittgendorf/Kreis Zeitz geboren, lebt als Verlagslektor und Herausgeber der Literaturzeitschrift „Akzente“ in München. Zu den bekanntesten Büchern des Lyrikers und Kritiken zählen die folgenden Gedichtbände „Reginapoly“ (1976), „Diderots Katze“ (1978), „Nekrologe“ (1979), „Lidas Taschenmuseum“ (1981) und „Aus der Ebene“ (1982).

Stinkquelle und Spätkultur

Es stinkt. Unklar ist, ob etwas stinkt oder schon alles stinkt, es also eine Stinkquelle gibt, die ihre Schwaden über alles ausbreitet, oder ob alles von sich aus diesen eklen Geruch erzeugt, also gewissermaßen in den Menschen, Dingen und Verhältnissen nistet.

Auf jeden Fall ist dieser üble Gestank nicht mehr wegzukriegen, der sich in der Basis festgesetzt hat und den Überbau verpestet. Wenn nicht bald etwas passiert, sind wir verloren und verstunken. Eine Stinkspur sondergleichen umkreist und durchsetzt labyrinthisch die Kultur: das „Weiße Programm“ des Suhrkamp Verlages riecht nach ökonomischen Zwängen, die Etatkürzungen bei Bibliotheken, Museen, Theatern stinken zum Himmel, das Fernsehen ist stinklangweilig und verlangt auch noch höhere Stinkgebühren – und wir alle stinken naturgemäß ebenfalls, die Ausländer etwas mehr.

In dieser Situation des dekadenten Geruchsverfalls kommt nun einer und will mit der Behauptung dagegen anstinken, er kenne die Ursache der universellen Verstinkung. Ein kluger Schachzug aus der politischen Ökonomie, denn alle, denen der faulichte Geruch die Schleimhäute beizt, wenden sich ihm augenblicklich in der Hoffnung auf Erlösung zu. Mir nach, ruft der, und ein Stinckader macht sich auf die Beine, tapfer die am Wegrand schwärenden Haufen ignorierend.

Nach einer langen Reise durch die verlassenen Dörfer der Avantgarde halten wir in einem jaucheumspülten Dorf in der Gegend von Posthistoire vor einem alten Haus. Rundum Scheiße, man traut seinen Augen und der Nase nicht. Das ist das Stinkatorium, flüstert unser Führer, Sturm! Wir halten uns die Nasen zu und berennen das Haus, das wie von selber zusammenstürzt – und was finden wir in den Trümmern? Wir finden ein kleines, unscheinbares Gebilde, ganz aus Worten gemacht, an den Rändern gezackt, ein bißchen schief und krumm, aber auch schön, wenn die Sonne durch die Ruinen auf es fällt. Es ist Das Gedicht.

Einer nimmt es vorsichtig auf und schnüffelt daran herum, gibt es weiter, jeder steckt seine Nase hinein: Es ist, um es kurz zu machen, vollkommen geruchlos! In dem Chaos aus Gestank und Pestilenz ist es das einzige Ding, das nicht riecht. Und das soll die Stinkquelle sein, die unser Leben vergiftet? Kaum zu glauben!