Die Liberalen in Baden- Württemberg

Von Hermann Rudolph

Wenn er würde, was er werden will, wäre er der Jüngste, der bislang dieses Amt bekleidet hat. Aber das würde Jürgen Morlok, der angekündigt hat, beim Parteitag der Freien Demokraten im November als einer der drei Stellvertreter des Parteivorsitzenden Genscher zu kandidieren, vermutlich am wenigsten irritieren. Denn der Jüngste ist der baden-württembergische FDP-Landesvorsitzende in seiner politischen Laufbahn immer gewesen, bei jeder der Stationen, über die sie bisher geführt hat, stets im Sauseschritt, alle drei Jahre eine neue Stufe: mit 26 Jahr ren Landtagsabgeordneter, mit 30 Fraktionsvorsitzender, mit 33 Landesvorsitzender, mit knapp 35 schließlich 1980 Mitglied des Präsidiums der Bundespartei. Bei solchem Aufstieg verlieren sich die Schwindelgefühle.

In den Ring der Kandidaturen hat Morlok seinen Hut geworfen, weil er, wie er sagt, die Vertretung des Südwestens in der Parteispitze verstärkt sehen will. Der Anspruch ist ohne große Mühe zu rechtfertigen. Gemessen am Zustand der FDP in anderen Regionen, macht die baden-württembergische Partei einen fast problemlosen Eindruck. wo andere Landesorganisationen sich streiten, von der Wähler-Ungunst gezaust werden, vor der 5-Prozent-Klausel zittern oder gar schon ihr parlamentarisches Spielbein eingebüßt haben, glänzt sie mit Eintracht und Erfolgen.

Zu schön, um wahr zu sein

Während die FDP in Nordrhein-Westfalen 1980 den Sprung in den Landtag verfehlte, verbesserten die Baden-württemberger ihren Stimmenanteil immerhin von 7,8 auf 8,3 Prozent – obwohl da schon die grünen mit von der parlamentarischen Partie waren - und bei der Bundestagswahl im Herbst trugen sie mit zwölf Prozent kräftig dazu bei, der FDP zum überraschenden Zehn-Prozent-ErfoIg zu verhelfen; Und überhaupt; Ist Baden-Württemberg, die Heimat von Theodor Heuss und Reinhold Maier, nicht immer eine Stütze der FDP gewesen? Hat das „Stammland“ der Liberalen nicht geradezu einen Anspruch darauf, in der Führung der Bundespartei vertreten zu sein?

Diese Vertretung haben die baden-württembergischen Liberalen auch über viele Jahre hinweg innegehabt; mit Weggang Haussmann, Hans Lenz, dem zeitweiligen Wissenschaftsminister, und Hermann Müller; für drei Jahre, von 1957 bis 1960, stellten sie der Partei mit Reinhold Maier sogar den Vorsitzenden. Aber so sehr das Aushängeschild Tom liberalen „Stammland“ bei ihnen in Ehren gehalten und zum Zwecke der Selbstdarstellung blank geputzt wird, so wenig kann das darüber hinwegtäuschen, daß es seit langem zu schön ist, um ganz wahr zu sein. Tatsächlich ist die baden-württembergische FDP im letzten Jahrzehnt eher Stumpf als Stamm des Liberalismus gewesen.