Vielleicht werden Spätere einen eigenen Sinn darin entdecken, daß es Walther Killy am Ende nach Wolfenbüttel zog, wo er als Direktor des Forschungsprogramms im September 1978 gewissermaßen ein Nachfahre Gotthold Ephraim Lessings wurde, der dort ja von 1770 bis 1781 Bibliothekar war. Jedenfalls kam Killy dort, im Rahmen von Symposien, Gesprächen, Lesungen und Seminaren, Germanistik so verstehen und betreiben, wie er sie nach Erich Auerbach und Ernst Robert Curtius immer verstehen und betreiben wollte: als Teil einer universalen Kunst- und Geistesgeschichte, deren Quellen in Athen und Rom zu suchen sind. Dieses Jahr 1982 steht unter dem Motto „Vergil in Wolfenbüttel“.

Walther Killy führte ein langer und oft leidvoller Weg nach Wolfenbüttel, den ich versuchsweise in fünf Epochen gliedern möchte. 1. Im Elfenbeinturm der Rocky Mountains, 1943-1946. 2. Lern- und Lehrjahre in Berlin, 1951-1959. 3. Im Würgegriff des Ordinariats und der Studentenrevolte, Göttingen und Bremen 1960-1970. 4. Die Schweizer Sekurität, 1970-1978. 5. Zu neuen Ufern, Wolfenbüttel, ab 1978 und hoffentlich noch lange.

1. Über die Jahre in amerikanischer Kriegsgefangenschaft hat Killy geschrieben: „Mitten im Elend des Krieges hatte man uns in der Prärie den von Stacheldraht umgebenen Elfenbeinturm human errichtet. Man brauchte ihn nur zu betreten, um dann ein für allemal zu verstehen, daß nur diejenigen dieses Wort als ein Schimpfwort betrachten, die ihn nie betreten haben und die nicht wissen, daß man ihn auch frei wieder verlassen kann, wenn die Notwendigkeit dies fordert.“

2. In Berlin entstand während der fünfziger und sechziger Jahre, gewissermaßen als Antwort auf die national-konservative Schule eines Julius Petersen während der zwanziger und dreißiger Jahre, glanzvolle deutsche Literaturwissenschaft. Killy war einer der ersten, die dazu beitrugen, freilich auch der erste, der wieder ging, wie dann nach ihm, jeder auf seine Weise, die anderen vier auch: Rainer Gruenter, Eberhard Lämmert, Peter Szondi, Peter Wapnewski. Lämmert und Wapnewski sind inzwischen zurückgekehrt. Killy avancierte in Berlin zum kompetentesten Interpreten deutscher und europäischer Lyrik (Hölderlin, Trakl, „Wandlungen des lyrischen Bildes“).

3. Die frühen Göttinger Jahre werden überschattet vom katastrophalen Ende. Als Rektor der Universität geriet Killy zwischen die Fronten der aufbegehrenden Studenten, denen er zunächst noch viel Verständnis entgegenbrachte („Studenten auf der Straße“, 1967), und der beharrenden Ordinarien, deren Sache er, gewiß kein Ordinarius alten Stils, um so mehr zu seiner eigenen machte, je mehr sie mit den Waffen eines neuen Klassenkampfes bedrängt wurde („Leichenrede auf eine Fakultät“, 1970). Warum er, der Hochgebildete, Eigensinnige, Nervöse, Verletzliche dann auch noch zu den allzu vielen Ämtern und Funktionen den Vorsitz im Gründungsausschuß der Universität Bremen übernahm, wo rüde Taktik gefordert war und eine dicke Haut, verstand damals keiner von uns. Gewiß hätte Bremen heute eine bessere Universität, wenn Killy sich durchgesetzt hätte, aber gewiß auch ist Walther Killy nicht der Mann, sich gegen die ideologische Vehemenz eifernder Fraktionen verbindlich durchzusetzen.

4. Killys Rückzug ins (nachdem er Zürich nicht haben konnte) idyllische Bern wurde damals von vielen als Flucht verstanden. Darunter mögen wenig T. S. Eliot-Kenner gewesen sein: „In a world of fugitives, a person taking the opposite direction, must appear to run away“ (frei: wo alles flieht, scheint wohl einer, der in entgegengesetzter Richtung geht, davonzulaufen). Killy fand in Bern Muße für seine, neben der Lyrik, zweite gelehrte Leidenschaft: den Versuch, Erhaltenswertes in Anthologien zu retten – die „Epochen der deutschen Lyrik“ erschienen 1979, in dreizehn Bänden.

5. Was schließlich Killy nach Wolfenbüttel gebracht hat, bleibt sein Geheimnis, Gewiß lockte die Tradition Lessings. Gewiß war es verführerisch, daß durch die Großzügigkeit des Landes Niedersachsen und vor allem der Volkswagen-Stiftung in Wolfenbüttel ein moderner Elfenbeinturm entstanden ist, einer nämlich, der es dem Türmer ermöglicht, weit in die europäischen Länder hinauszuschauen – unter Umständen auch, nach Art eines geisteswissenschaftlichen Muezzins, hinauszurufen. Killys Sätze aus der Denkschrift für Robert Minder gelten wohl auch für Bern (auch dort gab es Studenten, die allenfalls Skripten, selten Bücher lasen): „Die bürgerliche Bildung, die den Gegenstand der als Brotstudium aufzufassenden Studien immer noch abgibt, soll in einer unbürgerlichen Welt unbürgerlichen Eleven vermittelt werden ... Die Universität kann aber nicht in Semestern leisten, was in Lebensjahren und Generationen vorbereitet werden muß.“

Was in einer Welt, die einer universalen bürgerlichen Geisteswissenschaft immer ferner zu rücken scheint, Wolfenbüttel noch zu leisten vermag, wäre sicher lohnender Gegenstand eines Wolfenbütteler Symposions. Rudolf Walter Leonhardt