Von Jürg Altwegg

Die lieben „Kollegen in der Schweiz“ sind auch den bundesdeutschen Fernseh-Zuschauern ein Begriff: Wenn Eduard Zimmermanns „Aktenzeichen XY – ungelöst“ über den Bildschirm fleddert, darf Konrad Tönz im Züricher Studio auch eidgenössische Ganoven vorführen. Bei deren Auswahl sind nun allerdings in letzter Zeit etliche Pannen und Peinlichkeiten unterlaufen, welche die ebenso belästerte wie beliebte Sendung noch stärker ins Zwielicht gebracht haben. In der Züricher Weltwoche hat Margrit Sprecher einen Fall aufgegriffen, der auf exemplarische Weise die Nebenwirkungen der Fahndungsshow aufzeigt.

Es geht um Robert Z. – international ausgeschrieben und gefaßt dank „XY“. Von seinen fünfunddreißig Lebensjahren hat der Mann sechzehn im Gefängnis verbracht. Sie läpperten sich seit einem unbewaffneten Diebstahl des kaum erwachsenen Z. in mehreren Etappen zusammen. Gemeingefährlich ist dieser Übeltäter nicht, aber zweifellos das, was man eine gescheiterte Existenz nennt. Für „XY“ wurde er als Verdächtiger einiger Diebstähle, die er nicht begangen haben will, freigegeben. Nach seinem unfreiwilligen Auftritt im TV-Ganoven-Zirkus ging es erst mal seiner Frau an den Kragen: Sie verlor ihre Arbeit und brach zusammen. An den ZDF-Zimmermann schrieb Robert Z., der dem Millionenpublikum zwischen Bankräubern, Mördern und Triebtätern präsentiert worden war: „Wissen Sie, daß mich das Polizeikommando Aarau einzig deswegen international ausschreiben ließ, damit es mich in Ihrer Sendung bringen konnte? Die Polizei der kleinen Schweiz möchte wohl, in Ermangelung präsentierbarer Bösewichte, nicht hinter dem Ausland zurückstehen und jubelte mich deshalb zum Phantom-Supergangster empor.“

Das mag die subjektive Wut eines Betroffenen sein – es gibt jedoch andere Fälle, wo die Mediengeilheit und Profilierungssucht biederer Polizisten seltsame „Schwerverbrecher“ auf den Bildschirm brachten. Der Kanton Thurgau zum Beispiel warf eine Jenische, deren Spezialität das Klauen von Messegewändern war, in die audiovisuelle Arena des deutschsprachigen Europa. Schlagzeilen machte der Fall eines jugendlichen Einbrechen. Dieser sah die Sendung am Apparat seiner unwissenden Eltern, bei denen er seit Monaten wohnte. Noch vor 21 Uhr war das Haus von Streifenwagen umstellt. Die St. Galler Kantonspolizei schickte einen ganzen Grenadierzug zur Festnahme. Den Spott hatte zwar die Polizei, den langfristigen Schaden aber die Familie: Sie ist seither im Dorf verfemt.

Margrit Sprecher hat die Gerichtsverhandlung gegen Robert Z. verfolgt: „Diese frisch renovierten Landgerichtssäle haben es in sich. Man sitzt auf antiken Stühlen, schreibt auf antiken Tischen, und das blendend weiße Mauerwerk strahlt ländliche Heiterkeit aus. Letzteres im Unterschied zu den Laienrichtern. Bei sommerlicher Hitze in ungewohnte Krawatten und Jacken gezwängt, sehen sie bald einmal aus wie abgekochte Krebse.“ Robert Z. wurde in Handschellen hereingebracht und von drei Polizisten bewacht, „die ihre Pistolen nicht direkt verbergen, sondern à la Wildwest zur Schau tragen. Der Mann selbst aber enttäuschte. Die zum staatsbürgerlichen Unterricht abkommandierte Baufachklasse, der ein großkalibriger ‚XY‘-Verbrecher in Aussicht gestellt worden war, boxt sich beim Anblick dieses stillen Mannes, der sich stets lächelnd verhaften ließ, betroffen in die Rippen: ‚Du, da könnte ich ja auch Schwerverbrecher sein.‘“

Was es bedeutet, in „Aktenzeichen XY“ veröffentlicht zu werden, beschrieb Robert Z. auch in einem Brief an den Schweizer Sendungsverantwortlichen Werner Vetterli. Darin heißt es: „Ich vermute, daß Ihre Sendung jenes unüberwindliche Vorurteil schaffen wird, welches zwangsläufig einen objektiven Richterspruch verunmöglicht. Somit ist zu befürchten, daß ich als Unschuldiger verurteilt werde. Daß Ihre Sendung stigmatisiert, das habe ich in den letzten Monaten auf Schritt und Tritt feststellen müssen.“

Der Vormund von Robert Z. hat ausgerechnet, daß die mit seinem Mündel inszenierten juristischen Umtriebe den Staat bis heute 1 168 000 Franken gekostet haben. Vor dem Gericht plädierte er: „Was bringt es, wenn man ihn weiter einsperrt? Er krümmt niemandem ein Haar. Lassen Sie ihn doch laufen, damit er endlich ein normales Leben führen kann, damit er uns nicht mehr davonläuft und wir ihm nicht mehr nachlaufen müssen.“