Von Horst Ibelgaufts

Der neue Forschungszweig der Forensischen Klimatologie oder Gerichtsklimatologie hat nichts mit dem intellektuellen Ratespiel zu tun, für das manche Zeitgenossen die Wetterkarte immer noch halten. Dave Murdoch arbeitet mit Fakten.

Er lebt in Kanada und arbeitet für den Wetterdienst des Internationalen Flughafens von Toronto in der Provinz Ontario. In Fachkreisen gilt Murdoch als der erste Gerichtsklimatologe der Welt. Auf den ersten Blick mag es etwas überraschend klingen, daß so etwas Unzuverlässiges wie das Wetter helfen kann, Verbrechen aufzuklären. In Murdochs Büro stapeln sich jedoch die Akten von über 400 Fällen, in denen seine Wetterdaten maßgeblich zur Aufklärung von Verbrechen beitrugen. Ontario, die am dichtesten besiedelte Provinz Kanadas, besitzt ein sehr engmaschiges Netz von Wetterstationen, in denen Wetterdaten aller Art gesammelt werden. Angefangen von einfachen Temperatur- und Niederschlagsmessungen bis hin zu Wetterradar- und Wettersatellitenaufnahmen landet alles auf Murdochs Schreibtisch.

In einem berühmt gewordenen Fall fand man im Winter die Leiche eines achtjährigen Kindes. Der gefrorene (Körper lag auf lockerem Schnee; auf dem Gesicht war der Schnee gefroren. Wann war der Tod des seit vier Tagen verschwundenen Kindes eingetreten? Murdochs Wetterdaten ergaben, daß nur einmal innerhalb dieser vier Tage die Temperaturen so weit angestiegen waren, daß Schnee schmelzen und auf dem Körper wieder gefrieren konnte. Berücksichtigte man, wie schnell ein Körper im Schnee auskühlt, so konnte man ziemlich genau den Zeitpunkt des Todes berechnen. Genau für diese Zeit hatte der Hauptverdächtige jedoch kein Alibi. Er wurde auf Grund der Indizien verurteilt.

In einem anderen Fall ging es um eine ominöse Regenhaube in der Handtasche einer Frau, deren Leiche an einem sonnigen Tag in Toronto in einem Park gefunden worden war. Die Regenhaube war noch feucht. Ein Blick auf seine Wetterkarten zeigte Murdoch, daß es zum Zeitpunkt, des Todes in der ganzen Stadt nur an zwei Stellen geregnet hatte. Die Polizei konzentrierte ihre Nachforschungen auf diese beiden Gebiete. Schon nach kurzer Zeit konnte sie auf Grund der Angaben von Anwohnern eine verdächtige Person festnehmen. Sie wurde später des Mordes überführt.

Für den Einsturz eines frisch errichteten Mauerwerks und den Tod mehrerer Arbeiter an einem sonnigen, aber windigen Tag in Toronto konnte Murdoch ebenfalls die Wetterverhältnisse verantwortlich machen. Wind und Sonne hatten dazu geführt, daß der Mörtel auf einer Mauerseite sehr schnell austrocknete. Die entstandenen Spannungen brachten das Bauwerk zum Einsturz. Der Bauunternehmer wurde von der Anklage wegen nachlässiger Arbeitsweise freigesprochen.

Murdoch löste auch das Rätsel um einen schweren, völlig unverständlichen Auffahrunfall auf einer Brücke, an dem mehrere Last- und Personenkraftwagen beteiligt waren. Er fand, daß zum Zeitpunkt des Unfalls unter der Kanalbrücke eine Temperatur geherrscht hatte, bei der sich Nebel bilden kann. Ein Lastwagen, der über die Brücke fuhr, hatte die Luft in Bewegung gesetzt. Die Luftwirbel hatten Nebel über die Brücke schwappen lassen und für kurze Zeit eine undurchdringliche Nebelbank erzeugt, die dann zum Auffahrunfall führte.

Die kanadische und amerikanische Polizei sind von der Arbeit und den Ergebnissen Murdochs so beeindruckt, daß sie ihre Beamten jetzt klimatologisch schulen lassen. Murdoch hält Vorträge an Polizeischulen, und Anfragen aus der ganzen Welt beweisen, daß das kanadische Beispiel bald allgemein Schule machen könnte. Murdochs gerade erstelltes Handbuch über klimatologische Aspekte der Polizeiarbeit dürfte das bisher einzige Fachbuch auf diesem neuen Forschungsgebiet sein.