Ronald Reagan riskiert den Verdruß der Erzkonservativen

Von Michael Naumann

Washington, im August

Heuer hackt Ronald Reagan Kleinholz auf seiner Rancho del Cielo in Kaliforniens Purpurhügeln. Sein Vize, George Bush, segelt vor der Atlantikküste von Maine, und Amerikas Senatoren und Abgeordneten tauchen ein in den nationalen Herbstwahlkampf. Über dem verlassenen Washington aber schwebt die erlösende Aura eines politischen Nirwana: Es ist still. Die 15 000 Psychologen, zum jährlichen Verbandstreffen in die Hauptstadt geeilt, können ungestört über die düsteren Tagungsthemen „Atomkrieg, TV-Gewalt und Gefangenenverhalten“ meditieren.

Das restliche Amerika, so scheint es, schaut derweil frohgemut nach New York, in die enge Wall Street, wo in einer Woche – dank neuem Weltvertrauen und sinkendem Zinssatz (von 20,5 auf 13,5 Prozent in einem Jahr) – 455 Millionen Wertpapiere ihre Besitzer wechselten, und wo der Dow-Jones-Aktienindex in vier Tagen 81 Punkte kletterte: ein Börsenweltrekord.

Die fabelhafte Hausse, so ließ der Präsident noch in seinem Düsenclipper auf dem Flug gen Westen wissen, sei der natürliche Reflex seiner korrekten Haushalts- und Wirtschaftspolitik. Manche Börsianer aber glauben, daß hinter dem spektakulären Kurs-Boom lange akkumuliertes Investitionskapital stecke, das den Weg in Amerikas Produktionsgüter-Industrie scheue: Wäre dem so, dann bliebe der Spekulations-Crash gewiß nicht aus.

Finanzminister Donald Regan hingegen versichert, daß sich das Börsenfeuerwerk an einer heftig umstrittenen Steuernovelle entzündet habe, die – am vorigen Donnerstag mit knapper Kongreß-Mehrheit verabschiedet – „den Menschen im Lande unsere fiskalische Verantwortlichkeit signalisiert“. Es wäre ein neues Gefühl.