Zart klimpernde Klaviermusik. Dann eine dunkel hauchende weibliche Stimme: „Der Frauenarzt von Bischofsbrück.“ Wieder die schwermütige Pianoweise. Sie verstummt sanft. Ein knalliger Schuß. Ächzendes Aufstöhnen eines Mannes. Ein schwerer Fall. Gegenstände kugeln nach. Eine bedeutungsschwere Stimme erzahlt: „Der Zimmerkellner findet im Wiener Luxushotel Sacher die Leiche des Grafen Retzlow. Der Graf, über vierzig Jahre alter als seine junge Frau, sitzt hinter dem Schreibtisch, vornübergebeugt, die eisgrauen Haare hängen über die edle Stirne, das schmale Aristokratengesicht ist zu einem letzten Lächeln verzogen. Blut tropft aus der Stirnwunde auf den teuren Perserteppich der Suite, die der Graf für eine Woche gemietet hatte – dankenswerterweise hatte er vorausbezahlt. Die rechte Hand hängt lose herab, eine Duellpistole liegt auf dem Boden. Graf Retzlow ist tot

Tragisches Musikklimpern. Darauf die verhangene Frauenstimme: „Wurde Graf Retzlow ermordet? – Hat er Selbstmord begangen? – Ist eines der bisher beschriebenen Ereignisse daran schuld?“ Die Klaviermusik schwillt an. Die Stimme lakonisch: Klaviermusik folgt“.

Das war die fünfte (Und kürzeste) von 150 erschütternden Ausstrahlungen des unternehmungslustigen Süddeutschen Rundfunks, der seine lieben Radiohörer im freudlosen Alltag um 10.15 Uhr mit dem jungen, sympathischen, blonden und so weiter Frauenarzt Doktor Julius Borg bei Laune hält

Jeden Tag klimpert er die inzwischen ahnungsvollen Hörer nach Bischofsbrück, einer trauten Kleinstadt in Ypsilonland, in der Schloß, bischöfliches Palais und die Karl-Marx-Straße 17 b, Hinterhaus, dritter Stock, dramaturgisch günstig nahe liegen.

Das mit Rührungstränen benetzte 150. Jubiläum der unheilschwangeren, zarten, brechenden und schreienden Stimmen, der knarrenden Türen, schrillenden Telephone und des knochentrockenen Sprechers gibt die lustvolle Aussicht auf 97 weitere Sendungen dieses freundlich-trivialen Genres frei, die bis zum Jahresende die Einschaltquoten zur Nonsens-Zeit in noch nicht ahnbare Höhen treiben wird. Auch kann der mehr und mehr geneigte Hörer nun ein erstes Buch über diese liebevolle Ansammlung herzvoller Sprachklischees, munteren Schwulstes und intelligenten Unsinns kaufen, ein pastellgefärbtes Büchlein, in dem auch die hohen Noten der Titelmelodie „by Schmid music, Weil der Stadt“ abgedruckt sind.

Ein öffentliches Bedürfnis

Doktor Borg – es ist das einzige, was sicher ist – wird die verarmte, aber schöne Gräfin Diana von Retzlow nach immer weiteren bewegenden Abenteuern in ein erfülltes, beschauliches Leben im alten Försterhaus heimführen.