Hörenswert

Joe Jackson: „Night and Day“. Manche derneuen Satiren des Joe Jackson gehen so direkt aufs Thema los wie vor Jahren das pro-feministische „It’s Different For Girls“, beispielsweise seine Lieder über Krebs, die einsam glotzende Menschheit („Z. V. Age“) und die „Real Men“ (so der Songtitel), von denen niemand mehr so recht weiß, wer die wohl sind. Andere Texte hier handeln von zeitgenössischer Paranoia, von der Verrohung oder dem Sterben der Gefühle eher mitleidend und auf eine Weise, mit der sich der detachierte Zyniker plötzlich selber als verletzbar und sterblich bekennt. „Breaking Us In Two“ etwa und auch „A Slow Song“ sind als Statement persönlicher als alles, was der britische Sänger bislang in seinen Liedern formulierte. Die „Nacht“-Seite dieser Platte läßt auch viel von der Entfremdung, dem Kulturschock und der Haßliebe zum vorübergehend selbstgewählten New Yorker Exil spüren, in dem Joe Jackson dies Album geschrieben und aufgenommen hat. Keine Platte zum Nebenbeihören, denn die besten Songs hier stehen auf ähnlichem Niveau wie seine ersten beiden LPs. (A & M AMLH 64 906) Franz Schöler

Martin Müller: „balançado ’82“. Was das Titelwort bedeutet, wird dem Hörer mit einem Zitat aus Joachim Ernst Berendts „Fenster aus Jazz“ eröffnet. Es sei kennzeichnend, sagt er da, „daß die Brasilianer das einzige Volk der Erde sind, das den nordamerikanischen Jazzausdruck ‚swing‘ nicht im Original zu übernehmen brauchte. Sie haben ihr eigenes Wort: ‚balançado‘ – ein dem Swing ähnliches Sprachbild: ein Schwingen, ein Balance-Akt zwischen verschiedenen musikalischen Zeitebenen, zwischen dem Zeitverhältnis des afrikanischen und den so gänzlich anderen Zeitbegriffen des europäischen Musikers“. Eben dies, ein „schwingendes Gleichgewicht“, spürt man in jedem Takt dieser sorgfältig leicht gearbeiteten und gespielten Stücke des Gitarristen Martin Müller. Sie sind sehr vielfältig; durch die Mitspieler (auf Mundharmonika, Kontrabaß, Schlagwerk) wird das mit wunderbarer Gelassenheit unterstützt. Wie brasilianisch diese sanfte Musik auch klingt – sie läßt gottlob immer spüren, daß ihr Komponist und Interpret unser Landsmann Müller aus Karlsruhe ist, der, seinen Vorbildern Baden-Powell und Gismonti hier zum Trotz, sich und seiner Herkunft treu bleibt. Seine Musik ist originell und sein Spiel von jener Selbstverständlichkeit, die die Beherrschung seines schwierigen Instruments erlaubt. (Stockfisch-Schallplatten, Sanddornweg 13 b, 33 Braunschweig; Nr. 8010)

Manfred Sack

Robert Schumann: „Szenen aus Goethes „Faust“‘. Wer sich nicht ganz genau auskennt, möchte in der Ouvertüre einen Abschnitt aus der Vierten Sinfonie zu erkennen glauben. In der Tat: die Grundtonart d-moll, die crescendierenden Girlanden-Aufstiege, die Kurzthemen-Wiederholungen‚ die Farben der Akkordsätze, die Loslösung hochliegender Solo-Linien und die Bedeutung der Pauke – das alles ist in der bekannteren Sinfonie so dominant, daß man es in der im Laufe von mehr als zehn Jahren, vor allem aber um das Goethe-Jahr 1849 intensiv erarbeiteten Szenensammlung überall wiederfindet. Schumanns Witwe Clara hatte indes kaum recht, wenn sie bei der posthumen Uraufführung 1862 meinte, das Werk werde „seinen Platz neben des größten“ erhalten. Um so verdienstvoller die Produktion an geradezu prädestinierter Stelle: Die Düsseldorfer Symphoniker konzentrieren sich auf Höchstform, bieten rauschhafte Klänge (die allerdings von Aufnahmetechnik und Raum-Akustik gelegentlich herb gebremst werden) und exzellente Farben, ein erstklassiges Vokalensemble (Fischer-Dieskau, Berry, Gedda, Mathis, Schwarz) engagiert sich beachtlich. (EMI 1 C 165-46 435/36) Heinz Josef Herbort