Wenn der Mensch in seiner Qual verstummt, fängt der Dichter an zu reden. Der Dichter selber sagt es natürlich viel schöner, in Versen: „... gab mir ein Gott zu sagen, wie ich leide.“ Er ist jetzt an die Rampe getreten, seine Klage wird zur Arie. Wenn er geendet hat, klatschen sein Fürst und die Damen höflich Beifall. Der Dichter, glauben sie, ist vom drohenden Wahnsinn gerettet, hat er doch in seine alte, die ihm ziemende Rolle zurückgefunden: der Sänger des Leidens, der erste Schauspieler des Schmerzes am Hofe zu sein.

So überraschend endet in Salzburg eine Aufführung, die ansonsten jede Überraschung sorgsam meidet: Dieter Dorn hat für die Festspiele Goethes Schauspiel „Torquato Tasso“ inszeniert. Eine Inszenierung ist daraus weniger geworden als ein anmutiges Arrangement.

Dabei ist gerade der „Tasso“ auf den deutschen Theatern nie ein Stück gewesen wie andere, eines, das man allein mit Geschmack und Kunstverstand absolviert hätte; gerade der „Tasso“ ist immer ein Anlaß gewesen für die allerprivatesten, allerpolitischsten Bekenntnisse seiner Regisseure.

Als Peter Stein das Stück inszenierte, 1969 in Bremen, war Tasso (Bruno Ganz) ein auch grotesker Schmerzensmann – ein intellektueller Clown am Hofe von Ferrara, ein Komplize also der Mächtigen.

Ein Jahrzehnt später spielte Branko Samarovski die Rolle bei Claus Peymann in Bochum: Tasso, jetzt ein hypochondrischzarter Mann, war zum Opfer der Mächtigen, zum Märtyrer geworden.

Beide Aufführungen waren in jeder Minute zweifelhaft, in jeder dramatisch – Steins Attacke auf Tasso von Selbstgerechtigkeit, Peymanns Requiem auf Tasso von Selbstmitleid bedroht. Dieter Doms fehlerloser „Tasso“ dagegen ist schon nach einer Woche aus der Erinnerung fast verschwunden. So ungerecht schreibt das Theater seine Geschichte.

Doms Inszenierung nimmt nicht Partei, nicht für, nicht gegen Tasso, und damit hat sie erst einmal recht, denn sie hat Goethes Text auf ihrer Seite- ein Stück, das sich aller raschen Sympathiekundgebungen (für den leidenden Dichter oder für die am Dichter leidenden Mitmenschen) streng enthält; das eine übermenschliche, fast unmenschliche Gerechtigkeit übt gegen jede Figur.